Zum Auftakt der Fastenzeit am Aschermittwoch besannen sich die kirchlichen Gemeinden und Koblenzer Kulturschaffende auf Menschliches und Erstrebenswertes. Im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Herz-Jesu-Kirche stand ein Gottesdienst, angereichert mit einem vielseitigen kulturellen Programm. Das diesjährige Motto „erschöpferisch“ vertiefte Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert, emeritierter Professor für Sprachwissenschaft der Universität Koblenz, in seinem Redebeitrag.

Die Veranstaltung bot einen kulturellen und spirituellen weltlichen Blick auf die Themen unserer Zeit sowie einen besonnenen Start in die vorösterliche Zeit. Nach Spaß, Spiel und viel guter Laune in der Karnevalszeit rücken jetzt Verlust und Verzicht mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Menschen werden sich nach euphorischen Gefühlen wieder ihrer Unzulänglichkeiten – und denen ihrer Lebenswelten – bewusst: Unbehagen macht sich breit.

Foto: Beatrix Sieben, ISSO

Sigmund Freud hat dieses Bild des zusammengesetzten (unzulänglichen) Menschen 1930 in seinem Text „Das Unbehagen in der Kultur“ beschrieben und damit etwas zentral Menschliches gemeint. Da Menschen sterblich und durch Naturgewalten bedroht sind, versuchen sie, ihre Ohnmachtsgefühle zu bekämpfen und sich selbst als überlegen darzustellen. Menschen erfinden Technik(en), aber auch Kultur (die ihnen erneutes Leiden abverlangt), um mit ihrer Sterblichkeit und ihrer Verletzlichkeit umzugehen. Freud traf 1930 auch die weise Vorhersage, dass sich der Mensch im Zuge dieser Bestrebungen immer mehr „Prothesen“, immer mehr Technik aneignen würde, ja, dass er sich zu einer Art „Prothesengott“ entwickeln würde.

Liebert transferierte diesen Gedanken in die heutige Zeit: Er zeigte, wie Profit- und Optimierungsstreben, verbunden mit Superlativen wie „die größten, die einzigen, die erfolgreichsten“, heute die Medienwelt und die Meinungsbildung bestimmen. Menschen wollen gottähnlich oder sogar gottgleich werden und ewig leben. Diese sogenannten transhumanistischen Bestrebungen, gepaart mit Fortschrittsglauben und Machtstreben, ergeben eine menschenverachtende Dynamik. Es scheint schwer, dem Treiben der Technikpropheten etwas entgegenzusetzen. Was also tun?

Den Blick schärfen für das Wesentliche, die menschlichen Verletzlichkeiten, die Schönheiten von Natur und Gemeinschaft, die auch im Kleinen erblühen können: hinschauen, wahrnehmen und als Sinnstiftend erkennen. „Das kleine Licht in uns“ – es hat Strahlkraft, wenn wir es wahrnehmen und in uns selbst zum Leuchten bringen.

Als Fazit könnte man festhalten: Wir sind nicht gezwungen, nur „Unbehagen in der Kultur“ und in unserer Lebenswelt zu empfinden. Es geht dabei auch um die immer aktuelle Frage: „Wie wollen wir leben?“

Die Veranstaltung wurde vom Kultur- und Schulverwaltungsamt der Stadt Koblenz gemeinsam mit kirchlichen Partnern organisiert.

Foto: Beatrix Sieben, ISSO

Am Programm beteiligte Akteure waren u.a.: Mitglieder des Opernchors und des Schauspielensembles des Theaters Koblenz, Staatsorchester Rheinische Philharmonie, Musikschule der Stadt, Koblenzer Jugendtheater, Jugendkammerchor der Singschule Koblenz sowie die Arbeitsgemeinschaft Bildender Künstler am Mittelrhein (AKM).

Die AKM präsentierte im Anschluss an den Gottesdienst im Künstlerhaus Metternich die Ausstellung mit dem Titel „erschöpferisch“, eingeleitet von einer Begrüßung durch den Kulturdezernenten der Stadt Koblenz, Ingo Schneider.

Die Ausstellung ist noch bis 15. März 2026 geöffnet.

Weitere Informationen unter:

Aktuelle Ausstellungen – AKM

Zum Nachlesen:

Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Herausgegeben von Lothar Bayer und Kerstin Krone-Bayer. Reclams Universal-Bibliothek. Stuttgart: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH 2010. 148 Seiten. ISBN 978-3-15-018697-8. 6,00 Euro. E-Book (2012): ISBN 978-3-15-960049-9. 3,99 Euro.

 

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