Vergangenes trifft auf Zukünftiges
Klingt wie eine Beurteilung der aktuellen wirtschaftlichen Prognosen, oder!? Und folgen wir den aktuell noch nicht wirklich einschätzbaren Voraussagen, wie KI unsere Welt beeinflussen wird, dann geht es durch diese auch „bergab“ mit der Sprachhoheit der Menschen, die vor 500.000 Jahren begann. Mit Sprache wurden und werden große Ideen in die Welt gebracht. Sprache ist weitaus mehr als Sprechen: 180 Wörter und 500 Silben pro Minute nutzen Menschen dazu, ihr Wissen weiterzugeben und sich miteinander zu verständigen.
Zurück zur Überschrift: Auch Hildegard Knef, Schauspielerin, Sängerin und Autorin, vermochte es, besondere Akzente mit der Sprache zu setzen. Der Liedtext „Von nun an ging’s bergab“ von 1967/68 wies auf ihre eigenen Lebensturbulenzen hin. Nur zwei Jahre später erschien ihr autobiografisches Werk „Der geschenkte Gaul“. In diesem erzählt sie mitreißend, klug, ehrlich und mit herausfordernder Klarheit die Geschichte ihres Lebens:
1925 geboren, arbeitete Hildegard Knef bereits in jungen Jahren im elterlichen Schumacherladen mit. Als junge Frau verliebte sie sich kurz vor Kriegsende noch während ihrer Schauspielausbildung in einen hochrangingen Nationalsozialisten. Bereits 1946 gelang ihr der Durchbruch mit dem ersten großen deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ (Regie: Wolfgang Staudte). Dieser Film machte sie zum ersten deutschen Nachkriegsstar und brachte ihr erste internationale Aufmerksamkeit ein. Mit ihrer Rolle in dem 1950 folgenden Film „Die Sünderin“ (Regie: Willi Forst), der damals tabuisierte Themen wie „Prostitution“ und „Tötung auf Verlangen“ behandelte, trug sie zu einem veritablen Nachkriegsskandal im deutschen Film bei. Aber dadurch ging es für sie dieses Mal auch „bergauf“, denn sie schaffte anschließend endgültig den Durchbruch nach Hollywood und sogar zum Broadway.
Als Person des öffentlichen Lebens verkörperte die Knef einen neuen Frauentyp, frech, anspruchsvoll, unabhängig und erfolgreich. Sie forderte Aufmerksamkeit und Anerkennung – auch mit ihrer zweiten Karriere als Sängerin, die Anfang der 1960er-Jahre gekrönt wurde von ihrem populären Song „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ (B-Seite: „Von nun an ging’s bergab“!).
Auch mit ihrem bereits angesprochenen autobiografischen Werk „Der geschenkte Gaul“ sprach sie in den 1970er-Jahren, nunmehr als Autorin, mutig Gedanken und Gefühle aus, die fünfundzwanzig Jahre nach Kriegsende noch immer nicht gerne gehört wurden. Und kämpfte damit auch gegen die trotz der 68er-Bewegung teilweise immer noch herrschende Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration an.
Sprachlosigkeit ist ein Zeichen von Trauer und Unvermögen, die Ereignisse mit den passenden Worten zu versehen. Dass und wie eine gesamte Gesellschaft darunter leiden kann, hatte das Ehepaar Mitscherlich 1967 in seinem gemeinsamen Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“ analysiert. Es befasst sich mit dem Umgang der ehemaligen Anhänger Hitlers mit ihrer eigenen Verstrickung in Schuld.
Sprache löst Assoziationen aus, bündelt unsere Gedanken und markiert Erinnerungen, aktiviert Empathie und lässt andere daran teilhaben. Sprache hat Macht. Wollen wir zukünftig wirklich diese Macht KI überlassen? Werden Texte beliebig? Geben wir zukünftig die Hoheit über die Sprache auf? Akzeptieren wir die Machtübernahme durch KI für etwas so Wundervolles wie den Ausdruck von Gefühlen durch Sprache?
Hildegard Knef starb am 1. Februar 2002 im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer akuten Lungenentzündung. Sie war starke Raucherin und hatte zuvor schon unzählige Operationen über sich ergehen lassen. Menschen sind nicht perfekt. Sie sind verletzlich. Anlässlich ihres Geburtstags, der sich am 28. Dezember 2025 zum hundertsten Mal wiederholte, gedenken wir dieser einzig, aber nicht artigen Frau: Die einen als ihrem vertrauten „Hildchen Knef“, die anderen der Diva „die Knef“ – auch hier sagt Sprache alles, oder!?
Zitierte Bücher:
Hildegard Knef: Der geschenkte Gaul. Bericht aus einem Leben. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2025. 448 Seiten. Taschenbuch: ISBN-Nr. 9783548070247. 14,99 Euro. E-Book: ISBN-Nr. 9783843737531, 12,99 Euro.
Alexander Mitscherlich, Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Piper Verlag, München 1977. 400 Seiten. Taschenbuch: ISBN-Nr. 9783492201681, 18,00 Euro. E-Book: ISBN-Nr. 9783492963558, 17,99 Euro.
Weiterführende Informationen zu Hildegard Knef: https://www.hildegardknef.de/
Unter dem Reiter „Lieder“ findet sich u.a. der Liedtext von „Von nun an ging’s bergab“.
Beitrag von: Beatrix Sieben