Ein inklusives Theaterstück der Studierenden des Umwelt-Campus Birkenfeld
Am 17. Dezember 2025 fand im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2025, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, eine studentisch konzipierte und organisierte Theateraufführung statt. Die Studierenden, allen voran ein fünfköpfiges Projektteam, verfolgten mit dieser Veranstaltung gleich mehrere Ziele: eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen Energiewende und Zukunftsenergie, eine inklusive Veranstaltung mit einer Live-Übersetzung in die Deutsche Gebärdensprache und den Wunsch einer transgenerativen Auseinandersetzung unterschiedlicher Menschen, die zufällig am Flughafen stranden und auf den Abflug ihrer Maschine warten.
Bild: Beatrix Sieben, ISSO
Der Flughafen wird zum Gestaltungsort
Die gesamte Rahmengestaltung des Theaterstücks wurde als Flughafen konzipiert mit Eintrittskarten als Tickets, Gates mit Informationsständen und kulinarischen Snacks. Das Projektteam als Crew moderierte an und ab und ließ keine Danksagung aus. Viele Menschen am Campus waren involviert worden und hatten in unterschiedlicher Weise unterstützt oder mitgemacht. Viele Angestellte und Studierende aller Studiengänge waren zur Aufführung gekommen. Ein großer Erfolg für das Organisationsteam, betrachtet man die große Dichte von Veranstaltungsterminen so knapp vor den Weihnachtstagen.
Auch ein Spendenaufruf für die Fachdienste für Hörgeschädigte fehlte nicht. Der Landesverband der Gehörlosen Rheinland-Pfalz e.V. war mit einem Stand vertreten, und die Ansprechpartnerin dort bemerkte im Gespräch, dass sie sich mehr solcher Veranstaltungen in der Zukunft wünsche. Und weiter: Einige ihrer Kolleginnen mit Hörbeeinträchtigung hätten ebenfalls gerne teilgenommen, da eine Übersetzung in die Deutsche Gebärdensprache bei Veranstaltungen eher die Ausnahme bildet.
Weitermachen wie bisher hat Konsequenzen für alle Beteiligten – aber welche?
Im Theaterstück selbst begegnen vier Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen einander mit unterschiedlichen Gefühlen. Eine Klimaaktivistin, die sich allein gelassen fühlt, aber ihrer Wut freien Lauf lässt. Ein trauernder Witwer, der gerade seine Frau beerdigt hat und auf den Spuren der Erinnerungen nach Kolumbien reisen will. Ein Elektroingenieur einer Energiefirma, dessen Bauprojekt in Kolumbien liegt. Und eine Kolumbianerin, die sich auf der Heimreise befindet, nachdem ein Telefonat mit ihrer Familie abgebrochen war – mit dem Hinweis auf eine regionale Katastrophe, die sich gerade anbahnte.
Angst, Sehnsüchte, Wut und Empörung von Menschen, denen das Leben und das Wohlergehen von einzelnen Menschen am Herzen liegt, treffen dabei auf Unverständnis und Ignoranz seitens der Umsetzer und Produzenten, die sich ihrer Aufgabe verschrieben haben, in bewährter Weise Großprojekte der Energieversorgung umzusetzen. Koste es, was es wolle.
Bild: Beatrix Sieben, ISSO
Eine emotional aufgeheizte Situation, wie man sie aus der Klimadebatte kennt. Zwischen menschlicher Betroffenheit, weil das kolumbianische Heimatdorf unter einem abrutschenden Berghang begraben wurde, und einer erkennbaren Gedankenlosigkeit, weil Großprojekte realisiert werden sollen. Der Tod von Angehörigen erfüllt mit Trauer und Verzweiflung auf der einen Seite und scheint auf der anderen Seite eine nicht vorhergesehene Risikoeinstufung im Rahmen der Projektplanung sichtbar zu machen. Ein mahnender Appell an die Verantwortungsübernahme für die Folgen von Maßnahmen – in diesem Falle der Abholzung von Bäumen, die einen Abhang befestigt hatten –, die im Sinne einer scheinbar notwendigen Energieversorgung billigend in Kauf genommen werden.
Starke Emotionen stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Was nicht ausbleibt, wenn sich Betroffene und Verursachende zur gleichen Zeit an einem Ort treffen, an dem gerade die Information über die Katastrophe eintrifft. Was wird dann geschehen? Welche Interaktionen entstehen? Schweißt die Not sie zusammen? Ergibt sich ein Dialog? Lassen sich die Interessenkonflikte überhaupt überwinden? Diese Fragen stehen im Raum.
Zukunftsgestaltung braucht mehr als eine Perspektive
Der willkürliche Raum der Begegnung, von dem gerade niemand fortkommt, weil es weder die Wetterbedingungen noch die Energiereserven zulassen, wird zu einer Stätte des Dialogs oder des „Energialogues“, wie er im Theaterstück bezeichnet wird. Aus den verschiedenen Perspektiven wird gestritten, argumentiert, geschrien, gerechtfertigt, angeklagt, geschwiegen und getrauert. Und es menschelt in einer nachvollziehbaren Weise, die Personen werden dafür etwas stereotypisiert und vereinfacht, was sie alltagsbekannt und wiedererkennbar macht.
Der verantwortliche Ingenieur in seiner Unnahbarkeit und Rationalität verteidigt seine Projektplanung und versucht sichtlich angestrengt, die emotionalen Aspekte abzuschütteln. Lässt er sich von der Verzweiflung der anderen infolge der Geschehnisse berühren, oder vermag er diese letztendlich doch abperlen zu lassen? So ganz sicher lässt sich das bis zum Schluss nicht identifizieren.
Und wie endet das Ganze?
Der „Energialogue“ fand ganz beiläufig statt, betrachtete dabei die aktuellen Herausforderungen der Energiedebatte, zeigte die Komplexität auf und markierte wichtige Ansatzpunkte für eine Zukunftsgestaltung. Ein Lichtblick für eine gemeinsame mögliche Zukunft blitzte gedanklich auf, dramaturgisch unterstützt durch das Aufleuchten von vielen kleinen Lichtern auf der Bühne, von allen Protagonist*innen und Statist*innen hervorgerufen. Ein Zukunftsbild, getragen von allen Beteiligten. Ein kurzes Aufatmen für die ca. 180 Besuchenden, von denen sich viele ein gutes Ende in dieser bekannten und doch bisher meist stark kontroversen Debatte erhofft hatten.
Bild: Beatrix Sieben, ISSO
So hätte das Stück enden können, wäre es nicht von Studierenden am Umwelt-Campus Birkenfeld aufgeführt worden. Hier wird der Blick in die reale Welt nicht gescheut. So einfach kommen die Lösungen nicht daher. Es gibt Lobbyismus, es gibt strukturelle Rahmenbedingungen und es gibt unterschiedliche Interessen. Sehr unterschiedliche Interessen. Kein Happy End in Sicht, kein falscher Optimismus, keine naive Verblendung. Die Studierenden scheuen sich nicht, den Finger in die Wunde zu legen. Gerade in der besinnlichen Vorweihnachtszeit geben sie allen Anwesenden eine gehörige Portion „Food for Thoughts“ mit – Gedanken, die anschließend vielleicht im Kreise der Familie weitergeführt werden können. Aufgerüttelt, emotionalisiert, aber nicht frustriert, nahmen die Besuchenden ihr Päckchen an Informationen mit nach Hause.
Eine erfolgreiche Inszenierung muss gefeiert werden
Die Studierenden trafen sich zum Ausklang in der Campuskneipe Kadu auf dem Campus. Das Thema anzupacken, ein neues inklusives Format vorzubereiten, eine kreative Rahmengestaltung mit vielen zusätzlich bereitgestellten Informationen auszudenken, das Stück einzuüben – und das alles in einem ganz normalen Semesterjahr durchzuziehen, war allemal eine Feier zur Belohnung wert. Gut gemacht!
Die stille Zukunft des „Energialogues“ hat sich einen Raum und ein Publikum erobert, davon darf es gerne weitere Varianten am Umwelt-Campus Birkenfeld geben.
Text: Beatrix Sieben
Weitere Informationen: Umwelt-Campus Birkenfeld