Ein Beitrag anlässlich ihres 50. Todestages am 4. Dezember 2025

Nach einem schweren Autounfall in einem Taxi, von dem sie sich gerade erst langsam etwas erholt hatte, verbrachte die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt 1962 den Sommer in ihrem Feriendomizil nahe New York. Sie selbst hatte sich ein Jahr zuvor dem Magazin „The New Yorker“ als Berichterstatterin für den Eichmann-Prozess empfohlen und dann als Prozessbeobachterin einige Monate in Jerusalem verbracht. Ein umfassendes Projekt, welches Arendt über mehrere Monate an den Schreibtisch fesseln sollte – zusammen mit vielen Tausend Seiten Prozessmaterial, welches gesichtet, bewertet und zu einem Buch verdichtet werden sollte. Das Resultat „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ wurde eines ihrer populärsten Bücher und führte zu einem – wie man heute sagen würde – ausgesprochenen Shitstorm, wenn man die empörten Reaktionen, Kommentare und Briefwechsel dieser Zeit in der Zusammenschau liest.

Eine politische Theoretikerin, die verstehen will

Bild: openAi

Am 4. Dezember 1975, also vor fünfzig Jahren, starb Hannah Arendt, die heute aktueller denn je ist, betrachtet man ihre Einschätzungen rund um autokratische und totalitäre Gesellschaftssysteme. Ihre scharfsinnige Beobachtungsgabe und ihr Talent, komplexe Sachverhalte nachvollziehbar schriftlich auszudrücken, paarten sich mit ihrer politischen Neugier. „Ich will verstehen“ ist ein typisches Arendt-Credo.

Die am 14. Oktober 1906 geborene Jüdin Hannah Arendt, aufgewachsen im Umfeld des liberalen Reformjudentums in Königsberg, beschäftigte sich bereits in ihrer Jugend mit Kant und anderen Denkern. Trotzdem fühlte sie sich den Philosophen ihrer Zeit nicht wirklich zugehörig und bezeichnete sich selbst lieber als politische Theoretikerin.

Arendt beschrieb die politischen Ereignisse des etablierten Herrschaftssystems der Nationalsozialisten auf das Trefflichste und erkannte als eine der Ersten, dass sich dieses totalitäre System von vorherigen Herrschaftssystemen durch entscheidende Faktoren unterschied. Nicht die Mobilisierung der Massen war das Entscheidende, sondern der ideologisch erklärte Wille zur Vernichtung einer bestimmten religiösen Gruppe von Menschen unter Missbrauch des Begriffs „Rasse“ sowie die in kleinen Schritten erfolgte Heranführung an Unrechtmäßigkeiten und Freiheitsentzug.

Gerade ihr oben zitierter Wunsch, verstehen zu wollen, kommt gegenüber dieser Vernichtungspolitik an seine Grenzen, wie sich dem Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1964 entnehmen lässt. Hier betont Arendt auch, dass sie in jungen Jahren eher unpolitisch war und erst mit den Ungeheuerlichkeiten der massenhaften Verhaftungen durch die Nationalsozialisten, nach dem Reichsbrand im Februar 1933, zu einer politisch agierenden Person wurde, die sich verantwortlich fühlte, sich einzumischen und entsprechend ihren eigenen Möglichkeiten einzugreifen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich ihr akademischer Freundeskreis gleichschalten ließ, war für sie ein größerer Schock als die eigentliche Machtübernahme der Nationalsozialisten, die aus ihrer Sicht schon einige Jahre vorher absehbar gewesen war. Doch das wirklich Unfassbare und niemals Korrigierbare ergab sich für Hannah Arendt nicht 1933, sondern zehn Jahre später, als sie und ihr Mann von Auschwitz und von der systematischen, fabrikmäßigen Vernichtung der Juden erfuhren. Wie sie im Interview mit Gaus betont: „Etwas, was nie hätte geschehen dürfen […] etwas, womit alle nicht fertigwerden können.“ An dieser Stelle kommt ihr Verstehenwollen an seine Grenzen.

Was macht die Faszination der Denkerin und Autorin heute noch aus?

Vielleicht ist es die Selbstverständlichkeit, die Klarheit, mit der sich Hannah Arendt in die Öffentlichkeit wagte. Vielleicht ist es ihre Ausdrucksfähigkeit, die einen anderen Denkraum ermöglichen, mit eingängigen Begriffen und Metaphern. Als Aktivistin, Dichterin, Essayistin und politische Journalistin meldete sie sich anfangs engagiert und später einflussreich zu Wort. Als vielseitig gelehrte, außeruniversitäre Denkerin und Publizistin war sie Teil eines sehr aktiven intellektuellen Kreises, kannte viele zeitgenössische Weggefährtinnen und Weggefährten persönlich.  Vor den Nationalsozialisten aus ihrem Heimatland geflohen, deklarierte sie sich selbst als „Geflüchtete“ und erlebte und benannte die Hoffnungslosigkeit einer solchen Situation, die Menschen ihre Zugehörigkeit aberkennt und sie der Willkür aussetzt, als Staatenlose abgeschoben und nicht aufgenommen zu werden. Früh erkannte sie auch den Wandel vom sozialen zum politischen Vorurteil gegenüber den Juden, um das herum Massen organisiert und Gesetzte geschaffen wurden.

Arendt identifizierte zwei machtvolle Instrumente und Funktionsweisen des Totalitarismus, die sie in ihrem 1951 erstmals veröffentlichten Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ herausarbeitete:

Politische Initiativen werden unterbunden und stattdessen erfolgt eine Überreglementierung, die ideologische und regeltreue Anpassung einfordert. Die Logik des Herrschens zerstört somit die Freiheit des Menschen oder macht – anders ausgedrückt – das freiheitliche Denken und Handeln der Menschen scheinbar überflüssig. Es macht Menschen überflüssig.

Ebenso erschreckend weist Arendt auf die Popularität der Führenden hin. Egal, ob Hitler, Stalin oder andere totalitäre Herrscher, sie alle können sich ihre Popularität zunutze machen. Sie genießen die Rückendeckung durch eine Mehrheit der Menschen in ihrem jeweiligen Land und nutzen diese privilegierte Situation für den schamlosen Ausbau ihrer Macht.

„Mit dem Verlust der gemeinsamen Welt hatten die vermassten Individuen die Quelle aller Ängste und Sorgen verloren, die das menschliche Leben in der Welt nicht nur bekümmern, sondern es auch leiten und dirigieren.“

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Piper Verlag München, Auflage Juli 2006, ungekürzte Taschenbuchausgabe, S. 679

 Mahnung und Auftrag

Die Feststellung, dass eine totale Herrschaft ohne die Popularität der Führenden bei den Massen nicht denkbar sei, ist vielleicht gerade in der heutigen Zeit eine der wichtigsten Mahnungen, die Hannah Arendt für uns bereithält. Mit dem Blick auf die vergangenen mörderischen Gräueltaten der Nationalsozialisten dürfen und sollen wir uns alle als deutsche Bürgerinnen und Bürger, Demokratinnen und Demokraten – bei aller pluralen Diskussionsfreude – durchaus auf unseren wehrhaften Rechtsstaat besinnen. „Wehret den Anfängen“ bedeutet dann, dass jede Art von verfassungsfeindlichen und extremistischen politischen Aktivitäten mit aller Entschiedenheit zur Rechenschaft gezogen werden soll und muss. Mit legalen Mitteln, im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sowie mit dem Glauben und der Durchsetzungskraft in Anlehnung an das deutsche Grundgesetz.

Weitere Informationen zu Hannah Arendt:

ISSO Fachtag Hannah Arendt: Denken ohne Geländer:

https://www.youtube.com/watch?v=2cFUi…

Denken ist gefährlich – aktueller Dokumentarfilm in der Mediathek:

https://www.ardmediathek.de/vid…

Dazu der Blog-Beitrag von ISSO:

https://isso.de/blog/2025/10/14/denken-ohne-gelaender/

Beitrag im Deutschlandfunk:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/hannah-…

Aktuelle Neueditionen der zitierten Bücher:

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Neuedition. München: Piper Verlag 2022. 560 Seiten. EAN 978-3-492-31708-5. 16,00 Euro. E-Book: EAN 978-3-492-60175-7. 4,99 Euro.

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. Neuedition. München: Piper Verlag 2023. 1168 Seiten. EAN 978-3-492-31709-2. 28,00 Euro. E-Book: EAN 978-3-492-60058-3. 25,99 Euro.

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