edition suhrkamp 2025

Man ist ja nicht ganz frei davon, ein Buch bedenkenloser zu kaufen, wenn der Aufkleber SPIEGEL Bestseller draufklebt. Kaufen – da sind wir bereits bei dem ersten Stichwort, und es wird auch am Schluss noch einmal wiederkehren. Das zweite ist: Ein gutes Branding, beim Buch nennt man das den Titel. Die Verkrempelung der Welt lässt aufhorchen. Es heißt nicht Vermüllung, das kennen wir zur Genüge, Verkrempelung klingt ähnlich, verspricht aber Neues.

Der Leitgedanke des Buches zieht sich konsequent von Anfang bis Schluss, insofern gibt es keinen Spannungsbogen. Auf dem Erzählfaden reihen sich Erlebnisse des Autors mit „Krempel“, wie er es nennt, und damit meint er Produkte, die irgendwie einfach nicht gut sind, entweder nicht gut durchdacht, oder schlechter als das, was es vorher gab. Verschlimmbesserung ist ein Wort dafür. Das Buch ist eine Aneinanderreihung vieler Erlebnisse mit Krempel, aber vor allem mit Krempelmania, so nennen wir das mal hier als Eigenkreation, im Buch gibt es das Wort nicht. Krempelmania ist die Verhaltensweise von Menschen und Organisationen im Umgang mit Krempel. Es ist auch das Klima, in dem Krempel entsteht und gefördert wird. Eigentlich beschreibt der Autor also Krempelmania. Eines der vielen Beispiel sei hier zitiert, es geht um einen modernen Kaffeeautomaten.

Siemens verspricht: Überrasche und verwöhne deine Gäste. Mit der home connect app kannst du Wünsche für verschiedene Kaffespezialitäten bequem entgegennehmen und direkt an dein Gerät senden. Der Kaffeevollautomat bereitet die ausgewählten Kaffeespezialitäten dann nacheinander zu.

Das ist nicht die Beschreibung eines Produktes, sondern von gruseligem Marketinggeschwätz. Kaffeevollautomaten sind eine beliebte Spezies für Foren, Blogbeiträge und ganze Bücher, so auch hier. Der Autor (dieses Blogbeitrages) weiß, wovon er spricht – er hat selbst einmal 15 Euro für einen Bluetooth Adapter für die firmeneigene Jura Kaffeemaschine ausgegeben, nur um zu erfahren, dass man dann mit einer völlig unsinnigen App auf dem Handy genau das sehen kann, was auch auf dem Display des „Vollautomaten“ steht, der das Anrecht auf diese Bezeichnung an genau der Stelle verliert, wo er (oder sie) sich doch nicht einmal die Tasse selber drunterstellen kann, geschweige denn, das Volumen der unterschiedlichen Tassen, die es nun einmal in einer Büroumgebung gibt, zu erfassen. Kaffeevollautomaten sind der Gipfel der Verkrempelung und deshalb immer ein lohnendes Betrachtungsobjekt.

Aber was nützt uns die Schilderung von all dem, was wir doch täglich selbst erleben und nur nicht niederschreiben? Die Gefahr ist, selbst als Autor auf den Krempel hereinzufallen, und da ist sich der Leser hier nicht ganz sicher. Wie kommen wir als Verbraucher*innen aber dazu, die Erzeugung von Krempel zu vermeiden? Darauf hätten wir Antworten erhofft.

Stattdessen gibt es Passagen wie die Einleitung zum Kapitel „Warum woanders alles besser ist“. Da steht der Satz „In den USA gibt es ein rosa Magenmittel, das gegen alles hilft und praktisch keine Nebenwirkungen hat“. Wir haben dazu die KI gefragt [1]: Untersuche den Wahrheitsgehalt der Aussage „In den USA gibt es ein rosa Magenmittel, das gegen alles hilft und praktisch keine Nebenwirkungen hat“. Das kann jeder gerne wiederholen. Die Antwort lautet: Pepto-Bismol, weltbekannt aus dem Film „Das Leben stinkt“ von Mel Brooks, die Szene dazu und der ganze Film sind unbedingt anschauenswert. Nur hilft es nicht gegen Verkrempelung, und Nebenwirkungen hat es auch.

Die Welt wäre eine bessere, wenn wir statt dem Krempel die Krempelmania beherrschen oder gar heilen könnten. Der Ansatz wäre also, vor den Krempel zu kommen, an seine Quelle, das sind die Entwickler und Hersteller von Krempel. Grundsätzlich stimmen wir dem Buch von Gabriel Yoran uneingeschränkt zu. Der Inhalt hätte allerdings über die massenhaften comedyartigen Schilderungen hinaus, die ihrerseits schon krempelig wirken, etwas mehr nützliche Tipps und Empfehlungen enthalten können, sei es für einzelne Verbraucher, für die Entwickler in den Firmen oder für die Politik.

Es gibt eine einzige Passage, genau in der Buchmitte, mit der Beschreibung des Deutschen Werkbunds [2]. Diese zwei, drei Seiten sind eine wertvolle Erinnerung, dass es schon einmal gute Ansätze in diese Richtung gab und immer noch geben könnte. Das nehmen wir aus dem Buch mit, ansonsten kann es eher zum Krempel als auf die SPIEGEL Bestsellerliste.

Übrigens. Den Begriff „Krempelmania“ können Sie googeln, es gibt ihn nicht, wir haben ihn für diesen Beitrag erfunden. Er ist ab sofort public domain, aber natürlich nur, wenn Sie © ISSO dazuschreiben und uns eine Kopie der Nutzung zusenden. Worte und Ideen sind nachhaltig, weil biologisch ohne Rest abbaubar.

[1] siehe Ki Untersuchung rosa Magenmittel.pdf
[2] siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Werkbund

Foto: Martin Görlitz, ISSO

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