Der Duden bezeichnet Empathie kurz und knapp als die „Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen“. Und auch Wikipedia schließt sich dem an: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, die Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ein damit korrespondierender allgemeinsprachlicher Begriff ist Einfühlungsvermögen.“ – Es stellt sich die Frage: Wo kann Empathie, vielleicht sogar entscheidend, in modernen gesellschaftlichen Prozessen gewinnbringend genutzt werden?

Alle Dimensionen der Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft berühren das Thema Empathie. Denn ob wir die Natur und die Welt als schützenswert ansehen, benötigt in der gleichen Weise unser Einfühlungsvermögen, wie es im Miteinander zwischen Menschen erforderlich ist. Empathie mit der Natur sorgt dafür, dass Menschen sich für ihren Schutz einsetzen, lässt eine neue Kultur der Wertschätzung und Achtung für unsere Lebensgrundlagen entstehen. Empathie untereinander unterstützt dabei, sich über Wege und Erfahrungen im Kontext von Veränderungen zu verständigen und erforderliche Prozesse anzustoßen, zu moderieren und partizipativ zu gestalten.

Empathie unterstützt eine offene Haltung

Empathie ist eine Fähigkeit und begünstigt eine aufgeschlossene Haltung mit einem lösungsorientierten Fokus. Mit dieser Einstellung fällt es leichter ein Umfeld zu gestalten, indem Feedback und Lernen selbstverständlich werden. Denn wer kennt schon alle denkbaren Lösungen einer sich wandelnden Welt? Es gilt, im Ungewissen zu navigieren – dabei profitieren Organisationen und Teams von fachübergreifenden und ganzheitlichen Betrachtungen, von Kreativität und Offenheit für neue Wege.

Eine professionelle Kommunikation basiert auf Empathie und ermöglicht es einen anderen Blickwinkel einzunehmen: Nachhaltigkeitsmanagerinnen oder Transformationsmanager profitieren in ihrer Rolle als Führungspersönlichkeiten oder Multiplikatoren von Empathie als einer Brücke in die Zukunft, um sich mit neuen Ideen der Zukunftsgestaltung auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Generationen zu vermitteln.  Gehört zu werden und Wertschätzung zu erfahren, ist für alle Menschen gleichermaßen förderlich. Gerade in instabilen Zeiten braucht es ein verlässliches Miteinander, das Vertrauen schafft.

Wünschenswert wäre es, Empathie als (Kern-)Kompetenz und individuelle Fähigkeit für die tägliche Kommunikation zu kultivieren. Auch der Umgang mit den komplexen Fragen von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit will geübt sein – es braucht die Bereitschaft bisher Bewährtes loszulassen, um Neues anzugehen. Dabei ist es erforderlich, sich nicht von der Komplexität dieser Themen überwältigen zu lassen. Das Einfache ist verführerisch, aber meist trügerisch zu kurz gedacht. Empathie für den gesamten Planeten beinhaltet die Bereitschaft, auch über Lösungen nachzudenken, die im Heute begonnen und vielleicht über Jahre oder Jahrzehnte hinweg kontinuierlich angepasst und vorangebracht werden müssen.

Empathie erleichtert die Akzeptanz von anderen

Mit unterschiedlichen Expertisen gilt es, einen Beitrag zum großen Ganzen beizusteuern und ein gutes oder sogar das beste Ergebnis für ein Problem zu entwickeln. Ein gemeinsames Ziel zu erreichen, welches noch weit entfernt in der Zukunft liegt. Sinnvolle und notwendige Veränderungen, z.B. in Sachen Kreislaufwirtschaft, Recycling, erneuerbare Energien oder neuen Materialien, anzustoßen. Und dabei den ersten, ganz praktischen Schritt voranzubringen und umzusetzen.

Empathiebasierte Verständigung bedeutet wertschätzende, zielorientierte Kommunikation, die stets die individuellen Standpunkte und Interessen bedenkt und zugleich den Weg zur besten Lösung für Mensch und Organisation anstrebt.

Niemand soll übervorteilt werden. Meinungen werden gehört und Argumente werden abgewogen. Es wird in der Sache verhandelt, wenn nötig hart, aber konsequent sachlich und konstruktiv. Empathie ermöglicht die Zusammenarbeit in einer heterogenen Gruppe, da kulturelle Prägungen und unterschiedliche Fähig- und Fertigkeiten geschätzt werden.

Wer sich in andere einfühlen und eindenken kann, erhält die Chance, seine eigenen Ängste vor Anderen oder Neuem zu überwinden – es sei denn, das, was er erfährt, besorgt ihn zu Recht, wie z.B. Auswirkungen von Klimawandel mit Starkregenereignissen oder Hetzkampagnen, die unsere Demokratie schwächen. Aber selbst dabei kann Empathie hilfreich sein, um den Menschen mit seinen Sorgen oder seinen Absichten zu erkennen ohne dabei sein Verhalten zu billigen, oder um noch im Kontakt oder im Gespräch zu bleiben.

Die dunkle Seite der Empathie

Über diese Schattenseite der Empathie darf man nicht hinwegsehen, sie zeigt sich bei jenen Führungspersönlichkeiten, die mit narzisstischer Prägung nur ihr persönliches Wohl und ihren Machtanspruch im Sinne haben. Zu ihrem Konzept gehört es, einen empathischen Umgang miteinander und damit den Zusammenhalt nur in der eigenen Gruppe zu stärken und andere bewusst auszugrenzen. Es wird bewusst eine unkritische Gefolgschaft um sich gesammelt, die der Leitfigur folgt und dient. Es entsteht ein Wir-Gefühl in einer idealisierten Gruppe („wir sind gleich und verstehen uns“), nicht zugehörige Menschen werden abgewertet, sie sind und bleiben draußen als „die Anderen“, die man eben auch nicht dabeihaben will und nicht verstehen kann.  Polarisieren verlangt die Blockade von Empathie, das gilt es zu vermeiden – insbesondere durch frühzeitige Vermittlung von Bildung und durch Übung.

Empathie ist erlernbar

Je früher wir Empathie vermitteln, je mehr Kinder frühzeitig erfahren, dass wir alle zu einer Weltgemeinschaft gehören und dass wir nur diese eine Welt haben, auf die wir achten sollen, umso eher besteht die Chance, dass wir die positive Kraft von Empathie nutzen. Wir müssen die Fähigkeit zur Empathie nicht nur „besitzen“, sondern sie auch anwenden und weitergeben, das heißt immer wieder trainieren und zu einer inneren Überzeugung machen – bei uns selbst und bei unseren Kindern.

Jede und jeder kann sich empathisch verständigen, wenn der Wille für ein gemeinsames Miteinander besteht. Empathie kann auf verschiedene Weisen „angewendet“ werden. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen auf, wie sich Empathie von Mitleid unterscheidet: Menschen mit Empathie bleiben handlungsfähig, sie lassen sich von Situationen und Geschehnissen berühren und können dennoch die nächsten Schritte überlegen und einleiten. Das Leid zieht sie nicht hinunter und hinterlässt auch keine Ohnmachtsgefühle. Empathische Menschen lassen sich von Gefühlen berühren, aber nicht beunruhigen, sie fühlen sich nicht ohnmächtig, sie gestalten, was zu tun ist – gemeinsam mit anderen oder auch alleine, so wie es die jeweilige Situation erfordert.

Die vier Ebenen der Empathie:

Kognitiv             Verstehen, was andere denken

Emotiv               Berühren lassen von den Gefühlen der anderen

Volitiv                 Wollen und wünschen, was geschehen sollte bzw. könnte

Konativ              Aufnehmen von Kontakt und Gestalten von Bindung

Um Empathie als eine emotionale Resonanz zu erleben, braucht es soziale Kontakte und Bindungserfahrungen. Ohne Kontakt zu anderen Menschen ist kein Verständnis notwendig, aber auch keines möglich. Gruppen oder Organisationen, die eine starke Kultur aufbauen, profitieren davon, wenn große Herausforderungen zu bewältigen sind. Der Druck von außen kann besser aufgefangen werden. Die Basis für Austausch und Kreativität bilden die guten Erfahrungen des Miteinanders. Vertrauen und Empathie bilden das Fundament, auf dem ausprobiert und dazugelernt werden kann.

Aldous Huxley erinnert an die Verantwortungsübernahme für unsere Entscheidungen, wenn er darauf hinweist: „Erfahrung ist nicht das, was einem Menschen widerfährt, sondern was er tut mit dem, was ihm widerfährt.“

Empathie unterstützt den Generationenwechsel

In vielen Organisationen gibt es ähnliche Herausforderungen, die einerseits mit der digitalen Transformation, andererseits mit dem Generationenwechsel und einer Suche nach qualifizierten Fach- und Führungskräften einhergehen. Der Altersabstand zwischen erfahrenen und jungen Mitarbeitenden wird größer. In einem Team oder bei einer Projektgruppe kann es durchaus Altersunterschiede von 30 bis 40 Jahren geben, was soziologisch betrachtet ein bis zwei Generationen entspricht. Auch die Einstellungen junger Menschen gegenüber traditionellen Führungsansätzen, die auf Kontrolle, starren Vorschriften und blindem Gehorsam basieren, haben sich verändert: Mehr Mitwirkung bei weniger Hierarchie ist heute ein Anspruch an moderne Organisationen. Funktionierende Teams und kollaborative Zusammenarbeit bilden oft eine soziale Einheit. Führungspersönlichkeiten mit Empathie können Gruppendynamiken besser erkennen und deuten und scheuen sich nicht, in einer moderierenden Funktion Konflikte anzusprechen und ggf. aufzulösen.

Die Zufriedenheit von Mitarbeitenden garantiert den langfristigen Erfolg jeder Organisation. Führungspersönlichkeiten, die selbst über ein hohes Einfühlungsvermögen verfügen und empathisches Verhalten fördern und fordern, sind idealerweise in der Lage, motivierte Teams auf- und auszubauen und langfristige Zusammenarbeiten zu etablieren. Sie werden es zu verhindern wissen, dass Mitarbeitende ihre Empathie blockieren.

Fazit

Viele Faktoren machen Empathie zu einem entscheidenden Faktor für ein nachhaltiges Beziehungsmanagement, mittels dessen Herausforderungen, zum Beispiel im Zusammenleben oder im Schutz von Natur und Umwelt, konstruktiv und kreativ gemeistert werden können. Empathie bündelt positive Energien, um verantwortungsbewusst und aktiv Zukunft zu gestalten. Das dürfte besonders Führungspersönlichkeiten, aber letztendlich uns alle interessieren!

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