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Ist eine Frau per se die bessere Wahl, wenn es um staatstragende Positionen und Ämter geht? Bei den Präsidentschaftswahlen in Mexiko treten zwei Frauen gegeneinander an. Beide sind laut einem Artikel in der ZEIT vom 16.05.2024 im Land unterwegs auf Stimmenfang, es klingt nach einem eher normalen Wahlkampf.
In diesem Jahr feiern wir den 300. Geburtstag des großen Königsberger Philosophen Immanuel Kant. Und ebenfalls in diesem Jahr erscheint seine Schrift Zum ewigen Frieden immer noch aktuell und – gemessen an derzeitigen Ereignissen in Europa – mehr als erwähnenswert. Sind Frauen möglicherweise diejenigen, die sich eher diesem Frieden verpflichtet fühlen und uns weltweit zu einem friedlich(er)en Miteinander führen können? Sollten Frauen die Macht übernehmen, damit Kriege, Korruption, Gewalt und Diskriminierung aufhören? Und werden sie dabei, so wie es als Wahlversprechen an die mexikanische Bevölkerung klingt, die Armut bekämpfen?
In nur 26 (13,5 %) von 193 Staaten, die Vollmitglieder der Vereinten Nationen sind, gibt es ein weibliches Staatsoberhaupt bzw. eine Regierungschefin im Amt. Sollten wir also jedwedes Streben in eine Machtposition von Frauen begrüßen und fördern? Lösen wir unsere brennenden gesellschaftlichen Herausforderungen mit Frauen besser als mit Männern?
Eines lässt sich sicherlich vermuten: Frauen, die in staatstragenden Ämtern angekommen sind, haben zuvor möglicherweise sehr viel Fleiß und Einsatzbereitschaft gezeigt sowie einen deutlichen Willen zur Verantwortungsübernahme. Manchmal treten sie bei der Amtsübernahme aus dem Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder männlichen Förderer. Manchmal folgen sie ihrer visionären Fähigkeit und Selbstbeauftragung, die Welt ihren Nachfahren ein wenig besser zu hinterlassen. Auch wenn sich hier mitunter eine Art Helfersyndrom zeigt oder narzisstische Züge zum Vorschein kommen, den Frieden sichern zu wollen oder Armut zu bekämpfen, sind so falsche Ziele ja nicht, oder? Blickt man zurück in die Geschichte und dabei auch in Königs- und Adelshäuser zeigt sich, dass Frauen nicht gerade zimperlich mit ihren Mitmenschen umgingen, um ihren Machtanspruch geltend zu machen oder zu verteidigen.
Der ZEIT-Artikel über „La Presidentas“ wirft allerdings eine ganz konkrete nationale Frage auf: Kann eine der beiden Kandidatinnen das von Machismo und Gewalt geprägte Land Mexiko verändern? Lässt sich Korruption mit Liebe überwinden und in einem Transformationsprozess zum Wohle der armen Bevölkerung abschaffen oder wandeln? Die Nachfolgerin des vorherigen Staatspräsidenten präsentiert sich mit diesem Ansatz und thematisiert ebenso wie ihre oppositionelle Gegnerin die Frage nach mehr Sicherheit für Mensch und Land. Die zweite Kandidatin scheut nicht den etwas raueren, männlichen Tonfall, wenn sie verkündet, „große Eier“ zu haben, was bekanntlich für Mut und Entschlossenheit stehen soll. Eine Strategie vielleicht, um die männliche Wählerschaft zu beeindrucken? Oder um aufzuzeigen, dass sie selbst ein Kind der Straße war?
Können und wollen Frauen nach einem Wahlsieg andere Themen verfolgen oder folgen diejenigen, die sich für ein solches Amt bewerben, schon längst in vergleichbarer Weise dem Machtmotiv wie ihre männlichen Kollegen und werden nichts Neues bieten?
Worin könnte eine andere, weibliche Note erkennbar werden? Adrettes Aussehen, Schmuck, modisches Design, das alles wäre nicht ausreichend und überzeugen auch keinesfalls beim männlichen Geschlecht.
2004 und 2009 trat die Professorin Gesine Schwan für das Amt der Bundespräsidentin an. Zweimal unterlag sie mit knapper Mehrheit Horst Köhler, der dann später sein Amt vor dem offiziellen Ende niederlegte. Imponierend blieb vielen Menschen in Erinnerung, wie gefasst und unaufgeregt Schwan diese beiden Wahlniederlagen hinnahm. Sie widmete sich umgehend anderen Zielen und Projekten. Eine aktive Frau, die nicht unbedingt ein Amt braucht, um gesellschaftsrelevanten Themen und Fragestellungen nachzugehen und initiativ zu werden. Bewundernswert. Vielleicht zeigt sich in dieser Größe etwas, was für eine Führungspersönlichkeit anstrebenswert ist: Bereitschaft, aber keine Verbissenheit.
Als Angela Merkel ihr Amt als Bundeskanzlerin am 22. November 2005 antrat, ergab sich ein verändertes Bild in der Öffentlichkeit. Nach dem Lebemann Gerhard Schröder, der sich selbst gerne in Markenanzügen und mit dem Charme eines Mannes von Welt zeigte, brauchte Merkel etwas länger, bis sie ihren Look bzw. Kleidungsstil fand. Sie bevorzugte einen schlichten Haarschnitt, der eher als praktisch denn als weiblich eingeordnet werden kann, und farbige, wenn auch unauffällig geschnittene Hosenanzüge. In der grau-blauen Anzugswelt der ansonsten ganz überwiegend männlichen Staatschefs immerhin ein Farbklecks bei allen Fotos auf dem europäischen bzw. internationalen Parkett. Eine weibliche Führungspersönlichkeit kommt scheinbar erfolgreich ohne Modelabels aus, immerhin regierte Merkel vier Amtsperioden, also 16 Jahre lang. Auch wenn sich möglicherweise sehr viele Menschen an die außergewöhnlichen Schuhe von Theresa May erinnern, so halfen ihr diese nicht dabei, ihre Amtsperiode zu verlängern: Die britische Politikerin vertrat als Vorsitzende der Konservativen Partei und als Premierministerin das Vereinigte Königreich „nur“ von 2016 bis 2019, also „gerade mal“ vier Jahre lang.
Die Äußerlichkeiten machen also offensichtlich nicht den Unterschied. Wie zeigt sich denn ein weiblicher Führungsstil?
Beim Kongress der Soroptimistinnen in Dublin 2023 rief Mary Robbins die ca. 450 anwesenden berufstätigen und aktiven Frauen dazu auf, mit vollem Engagement und großer Hingabe ihre Führungsrolle wahrzunehmen. Die Zeit sei reif für weibliche Führungseigenschaften, die Welt benötige einen weiblichen Blick und die Bereitschaft für Kooperationen, um langfristigen Frieden zu garantieren. Robbins, die sich heute als UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und dabei primär für Klimagerechtigkeit einsetzt, war die erste Staatspräsidentin der Republik Irland. Sie räumte ein, dass sie während ihrer Amtszeit in den Jahren 1990 bis 1997 die Bedrohungen durch den Klimawandel, dessen Folgen weltweit relevant sind oder werden, unterschätzt habe.
Liegt vielleicht in der Reflexionsfähigkeit oder im Eingeständnis von Fehlern eine Besonderheit von weiblichen Führungspersönlichkeiten? Es ist nicht einfach, etwas anzusprechen oder auszusprechen, was zum eigenen Nachteil gereichen kann – gerade als Politikerin oder Politiker, wenn man (wieder) gewählt werden will.
In ihrem Buch Das Zeitalter des Lebendigen aus dem Jahr 2021 spricht die französische Philosophin Corine Pelluchon von einer neuen Philosophie der Aufklärung. Es geht darum, das gängige Herrschaftsdenken zu überwinden und ungeachtet unserer Stellung oder unseres Status – gemeinsam – nach vorne zu schauen und zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln. Ihr Ansinnen wirbt für ein fachübergreifendes und auch universelles Denken. Die nationalen Begrenzungen gilt es zu überwinden, um weltweite Herausforderungen zu meistern. Für Pelluchon gehört zur neuen Aufklärung ebenso, Gefühle und Verletzlichkeiten wahrzunehmen und anzuerkennen, wie das Eingestehen von Abhängigkeiten. Erst mit diesem Zugeständnis lässt sich aus ihrer Sicht ein neues Verständnis für alles Lebendige entwickeln, was gehütet und bewahrt werden sollte.
Auch für die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum braucht unsere Kultur einen unverstellten und universellen Blick: In ihrem Buch Zorn und Vergebung: Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit aus dem Jahr 2017 zeigt sie auf, dass besonders starke menschliche Gefühle unsere Vernunft beeinflussen und unser Denken begrenzen können, was sich auf unsere Kreativität auswirkt und neuen Ideen oder Lösungsansätzen im Wege steht. Sie weist darauf hin, dass wir, um wirklich frei zu agieren, Gefühle wie Scham und Schuld überwinden sollten, ebenso wie narzisstische Kränkungen. Der Wille, für eine gemeinsame Zukunft einzustehen, braucht den Mut, ins Ungewisse aufzubrechen und tradiertes Denken loszulassen.
Philosophinnen denken und Politikerinnen handeln – so wäre es wünschenswert. Im Handeln zeigt sich die praktische Umsetzung von Gedanken und Ideen in alltagstaugliche Gesetze und Regelungen, die ein gemeinsames Leben absichern, aber nicht unbedingt über¬re¬g¬le¬men¬tie¬ren sollten.
Daraus ergibt sich, eine erkennbare Übernahme von Verantwortung, die nicht nach kurzfristigen Entlastungen sucht, sondern nachhaltige und generationsübergreifende Entscheidungen trifft. Die Notwendigkeit von Handeln beschrieb bereits Hannah Arendt in ihrem philosophischen Hauptwerk Vita activa – vom tätigen Leben. Die deutsche Fassung erschien 1960 und zeigt einen Weg des politischen Handelns auf, der als eine mögliche Option für alle Menschen vorausgedacht war. Die eigene Stimme zu erheben, keine Scheu zu zeigen, eine öffentliche Person zu sein sowie sich thematisch einzubringen und wo nötig auseinanderzusetzen, gehören für Arendt zu einer aktiven Rolle von Bürgerinnen und Bürgern. Arendt machte dabei keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Sie fühlte sich zeitlebens mit ihrer eigenen Arbeit gut beschäftigt oder ausgelastet und lehnte Auftritte ab, um über feministische Theorien zu sprechen oder zu diskutieren. Darin sah sie nicht ihre Expertise. Ganz anders also als Simone de Beauvoir, die in den 70er-Jahren mit auf die Straße ging, um Frauenthemen voranzubringen.
Was auch immer Frauen entscheiden zu tun, ihre Präsenz und ihre öffentlichen Stimmen sind wichtig. Sie vertreten 50 Prozent der (Welt-)Bevölkerung, sie sind Vorbilder für Mädchen und junge Frauen, die sich Orientierung wünschen, um ihre gesellschaftliche Rolle in unserer Gesellschaft zu finden und einzunehmen. Frauen, die sich in die Öffentlichkeit wagen, agieren als Führungspersönlichkeiten, denn sie haben sich dafür entschieden, aus dem Schatten zu treten und sichtbar zu werden. Wir benötigen viele von ihnen. In ganz unterschiedlichen Rollen. Welche Werte sie dann in ihren Rollen vertreten, das gilt es in einem zweiten Schritt genauer zu überprüfen. Sie sollten aus dem Schatten von Männern treten und ihren ganz eigenen Stil finden. Sie sollten die Themen finden, für die sie brennen und die sie angehen und verändern wollen. Zum Beispiel die Bekämpfung von Armut und Gewalt, es wird spannend sein, sie auf ihrem Weg dabei zu beobachten. Vielleicht zeigen sie in ihrer Arbeitsorganisation mehr Geschick, vielleicht sind sie empathischer, vielleicht kooperationsbereiter. Mutig, diszipliniert und durchsetzungsfähig müssen sie allerdings auch sein – und das scheinen die beiden mexikanischen Präsidentschaftskandidatinnen, die im Wahlkampf für ihren Sieg kämpfen, zu sein. Schauen wir mal, wie die Gewinnerin mit ihrem Wahlsieg und die Verliererin mit ihrer Wahlniederlage umgehen wird, vielleicht zeigt sich dann die besonders beeindruckende Kompetenz einer professionellen Führungspersönlichkeit, etwas wegstecken zu können. Und dann weiterzumachen. Weil das eben auch dazugehört auf dem Weg, die Welt zu retten oder einen Beitrag zum großen Ganzen zu leisten.

Ein Beitrag von Beatrix Sieben – bea7.de

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