„Was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?“ – so einfach lautet die Frage, mit der Carolyn Steel eine Rekonstruktion der Rolle industrialisierter Landwirtschaft und der Frage nach der Ernährung der Weltbevölkerung einleitet um dann schon bald auf Esskultur und die Macht des Essens zu sprechen zu kommen. Das sind die Themen, entlang der ihr neues Buch exploriert, wie wir uns ernähren und was es zum Beispiel eigentlich über uns und Gesellschaften im Allgemeinen aussagt, dass wir seit einiger Zeit wieder Sauerteige züchten oder unser Gemüse selbst auf dem Balkon anbauen, wollen.

Mit „Sitopia“, zusammengesetzt aus den griechischen Worten sitos (Food, also Lebensmittel oder Essen) und topos (Ort) bezeichnet Steel, dass unsere Welt von Food geprägt ist. Daraus folgt für sie, dass wir unsere Welt und die Probleme, die Gesellschaften weltweit derzeit herausfordern, nur durch den Blick in die Geschichte und Gegenwart unserer Lebensmittelproduktion und -konsumption verstehen und lösen können. Steel stellt dabei die Interdependenzen zwischen Ökosystemen und urbanen Zentren ebenso wie das Verhältnis des Individuums zu dessen Nahrung in den Vordergrund. Food wird damit zum Medium, über das wir Zugang zum Kern unserer Zivilisation und der Natur erhalten und das es uns ermöglichen kann, beide in Einklang zu bringen. Denn durch den Aufbau einer Beziehung zu dem, das wir essen, sei es uns möglich, uns in der Welt zu verwurzeln und unser Überleben in einer Welt globaler Probleme zu sichern.

“Why food? Because it is by far the most powerful medium available to us for thinking and acting together to change the world for the better.“

Carolyn Steel

Der Einstieg in die Lektüre fällt leicht, doch stellenweise liest sich das um zahlreiche Zitate angereicherte Buch im Verlauf etwas anstrengend. Ganz klassisch übt die Autorin beispielsweise deutliche Kritik an den USA und deren Kultur des consumerism mit schlechtem Essen von McDonalds & Co. – und betont den Kontrast zur französischen Lebensart, die allerdings ebenfalls Gefahr laufe, zu verschwinden. Diverse solcher Beispiele diskutiert die Autorin in großem Detail, ohne dabei unbedingt etwas zur Debatte beizutragen, das nicht seit Beginn der 2000er-Jahre bekannt wäre. Auch die ausführlichen Bezüge auf die philosophischen Hintergründe der diskutierten Probleme und Ideen vermitteln bisweilen das Gefühl, im ersten Semester eines Studiums westlicher Geistesgeschichte gelandet zu sein. An diesen Stellen bleibt das Werk leider auf der Ebene der Rekonstruktion stehen, vermittelt jedoch rhetorisch den Eindruck, es werde hier gerade eine überraschende Dekonstruktion von „Food-Mythen“ vollzogen.

Seine Stärken entfaltet Sitopia mit fortschreitender Lektüre: Geht es um konkrete Wege, auf denen sich unser Zusammenleben und der Umgang mit der Natur verbessern lassen, versteht Steel es, das Konkrete mit den großen Linien der Debatte zusammenzubringen und ihre eigenen Erfahrungen einzubringen, sodass beim Lesen der Wunsch reift, nun selbst zum Spaten zu greifen und einen Gemüsegarten anzulegen. Diese philosophisch-kulturwissenschaftliche Mischung aus analytischer Tiefe und praktischen Ansätzen, hier wird die Bedeutung von Food als Medium wiederum deutlich, ist es auch, die das Buch lesenswert macht – trotz anderer weniger überzeugender Passagen, in denen undifferenzierte Technologieskepsis oder allgemeiner Kulturpessimismus dominieren. Der Guardian fasst den Stil von Sitopia treffend zusammen als ein “all-you-can-eat buffet of thoughts“.

Zielgruppe des Buchs sind all diejenigen, für die Essen mehr ist als das, was uns Tag für Tag am Leben erhält und deswegen eben konsumiert werden muss. Wer an den tieferen Zusammenhängen von Food, Gesellschaft und Themen wie Nachhaltigkeit interessiert ist und sich auch vor den großen des guten Lebens nicht scheut, wird in Sitopia eine anregende Lektüre finden. Die Autorin wirft bei aller Bestätigung für alle, die sich ohnehin schon bei Slowfood engagieren oder nachhaltige Ernährung zu ihrem Thema gemacht haben, insgesamt deutlich mehr Fragen auf, als es beantworten kann und zieht, wie wohl jede Utopie es tut, durchaus streitbare Schlüsse – kein schlechter Ausgangspunkt, um die eigenen Positionen zu schärfen und aktiv zu werden.

Carolyn Steel beschäftigt sich als Autorin und Vordenkerin mit Themen rund um Food und deren Bedeutung für alle Aspekte unseres Lebens. Die studierte Architektin lehrte bereits an der University of Cambridge und teilt ihr Wissen als Speakerin unter anderem in TED Talks. Steels erstes Buch Hungry City wurde mit dem Royal Society of Literature Jerwood Award ausgezeichnet.

Sitopia: How Food Can Save the World ist 2020 im Verlag Chatto & Windus (Penguin Random House) erschienen und ab dem 08. April als Taschenbuch (12,50€) – zunächst nur in englischer Sprache – im deutschen Buchhandel erhältlich.

Rezension Felix Schaaf für ISSO, Koblenz