Zeit ist Geld, Geld allein macht nicht glücklich, … das sind Binsenweisheiten, die wir mal mehr, mal weniger kompliziert formuliert, beinahe jeden Tag zu hören bekommen. In diesen Sätzen geht es auch um die Logik, nach der wir gut und nachhaltig wirtschaften und zusammenleben können. Doch woran bemessen wir die Qualität von Wirtschaft und Gesellschaft? Der Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher hat einen Vorschlag und spannende Zahlen zum Einfluss der Corona-Pandemie. 

Nachdem Corona-Pandemie, Klimakrise und Co. wiederholt deutlich gezeigt haben, dass es kein „Weiter so“ geben wird, bleibt die Frage: Wie könnte es stattdessen weitergehen? Dazu gehört auch die Diskussion um das Wirtschaftswachstum: Sollten wir es möglichst schnell herunterfahren, uns aufmachen in die Postwachstumsökonomie? Oder sind dank gesteigerter Effizienz und neuer Technologien so etwas wie eine Entmaterialisierung der Wirtschaft und Green Growth möglich? 

Wichtige Fragen, ohne Zweifel, doch: Wie wissen wir eigentlich, wie es gerade um ein Land bestellt ist, welche Diskussionsgrundlage, welche Daten, haben wir? Um steuern zu können brauchen wir einen Kompass – und hier kommt in der Regel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ins Spiel. Damit wird der Umsatz von Produkten und Dienstleistungen gemessen, den die Bürger*innen eines Landes in einem festgelegten Zeitabschnitt aus Produktionsfaktoren erwirtschaften. 

Das BIP hat einige Vorteile. Besonders nützlich ist seine international etablierte Standardisierung und Vergleichbarkeit. Dazu kommt, dass es tatsächlich einen guten Eindruck der wirtschaftlichen Lage vermitteln kann und damit ein zentrales Steuer- und Kontrollinstrument für die Politik darstellt. Es handelt sich also um ein Aushängeschild der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, mit dem sich jedes Land in der Weltgesellschaft präsentiert und aus dem politische Folgen hervorgehen. Nun wird das BIP aus verschiedensten Perspektiven kritisiert. Im Kontext der Nachhaltigkeit wohl am bedeutendsten ist die Kritik, dass es die Kosten des Wirtschaftens, beispielsweise auf ökologischer oder sozialer Ebene, nicht vollständig abbildet. Diese Rechnung bleibt gewissermaßen offen oder wird zumindest in andere Indizes verlagert. Das BIP kann also das Wohlergehen von Gesellschaften nicht adäquat abbilden, da entscheidende Faktoren in seiner Berechnung fehlen. Wie kann ein zeitgemäßer Blick auf das Wohlergehen von Gesellschaften aussehen?

Einen Beitrag zu dieser Frage leistet der Vorschlag des Wirtschaftswissenschaftlers Hans Diefenbacher von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, der auch schon mit ISSO zusammen am Projekt WINN-RLP arbeitete. Er hat mit dem Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) ein alternatives Maß für nationale Wohlfahrt geschaffen. Auch für diesen Index sind mittels der Berücksichtigung von Konsum wirtschaftliche Kennzahlen zentral. Dazu kommen allerdings Faktoren, die deutlich darüber hinausreichen: Engagieren sich beispielsweise Bürger*innen ehrenamtlich, steigt der NWI. Umweltschäden und andere Einflüsse führen hingegen dazu, dass er sinkt. Neben anderen Werten für Lebensqualität ist auch Verteilungsgerechtigkeit Teil des Index. Das Ziel ist ein möglichst ausgewogenes Maß, das es der Politik erlaubt, Prioritäten zu setzen und ihren Fortschritt zu verfolgen.

All diese Unterschiede führen dazu, dass der NWI sich anders entwickelt als das BIP: Letzteres stieg zu Beginn des Jahrtausends, während der NWI sank, denn trotz Wirtschaftswachstum hatte sich die Ungleichheit erhöht. In der Wirtschaftskrise ab 2009 verhielt es sich dann andersherum: Zusammen mit der Wirtschaft schrumpften auch deren Nebenkosten, also Umweltzerstörung und Treibhausgasemissionen, während die Bürger*innen sich mehr engagierten. Der Anstieg der Konjunktur in den Folgejahren ließ diesen Effekt dann wieder verschwinden.

Heute liegt durch die massiven Folgen der Corona-Pandemie für die Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft eine nicht unähnliche Situation vor. Der Konsum ging zurück, während soziales Engagement und Solidarität wichtiger wurden. Diefenbachers Index liefert dazu die passenden Zahlen und Erkenntnisse und prognostiziert eine insgesamt negative Entwicklung für sowohl das Bruttoinlandsprodukt als auch den Nationalen Wohlfahrtsindex. Allerdings sei der NWI weniger stark betroffen, da dem rückläufigen Konsum und der gestiegenen Einkommensungleichheit eine positive Entwicklung insbesondere in den Bereichen Umwelt und Haus- und Familienarbeit gegenüberstehe. Spannend ist es dabei, den Einfluss der beiden Indizes auf die Lebenszufriedenheit der Menschen zu vergleichen. Diese verändert sich beispielsweise, wenn sich in der Pandemie Faktoren zum Beispiel die sozialen Beziehungen verändern – ein Effekt, der im BIP unsichtbar bleibt. Wirtschaftliche Faktoren spielen eine kleinere Rolle. 

Neben dem Nationalen Wohlfahrtsindex gibt es zahlreiche weitere nationale und globale Maße für die Wohlfahrt von Gesellschaften unter verschiedensten Gesichtspunkten. Ihr gemeinsamer Hintergrund ist das Ziel, Informationen zusammenzutragen, die dabei helfen, effektive Policies für ein „gutes Leben“ zu gestalten und zu evaluieren. Ihnen liegen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Lebensqualität zugrunde. Bei der Bewertung solcher Indizes geht es also immer auch um die Werte einer Gesellschaft. Dementsprechend braucht es nicht nur mehr als nur eine Messgröße – sondern auch plurale Perspektiven und Diskussionen um das, was uns als Gesellschaft wichtig ist und wie es umgesetzt werden soll und kann. Sichtbar werden kann und muss dies auch in Zahlen, die wir erheben, schnell verstehen und vergleichen können. Dann können sie uns helfen, realistisch auf die Gegenwart zu blicken und uns messbare Ziele für die Zukunft zu setzen. Denn: Wer die Dinge benennen kann, hat zumindest eine Chance, sie zu verändern.

Zum Weiterlesen

Der Nationale Wohlfahrtsindex im Überblick (Umweltbundesamt) mit Informationen zu Geschichte, genauer Berechnungsmethode und mehr. 

Graphisch aufbereitete Ergebnisse des NWI.

Der Einfluss der Corona-Pandemie auf den NWI.

Steigt unsere Lebensqualität? Die Better-Life-Initiative der OECD.

Ein Maß für das Gelingen der „Großen Transformation“: der Sustainable Development Report (Vereinte Nationen) bildet die Erreichung der SDGs ab. 

 

Die ZEIT über den NWI.

Text: Felix Schaaf (ISSO).