Kein Schleier aus Abgasen mehr über Wuhan, weniger Lärmbelästigung in den Straßen von New York, klares Wasser in den Lagunen Venedigs. Die Politik muss der Wissenschaft folgen.

Ein mikroskopisch kleines Etwas demonstriert seine Macht: SARS-CoV-2 schafft innerhalb von Wochen, was sich Wissenschaftler*innen und Klimaschützer seit Jahrzehnten wünschen. Die CO2Emissionswerte gehen weltweit herunter.

Hinter vorgehaltener Hand (!) könnte man sagen, die Coronakrise leiste derzeit durchaus einen nützlichen Beitrag zum Klimaschutz.

Hätte das Klima eine parlamentarische Stimme, so könnte es den Virus wohl als Glücksfall bezeichnen. Bedarf es wirklich einer Katastrophe solchen Ausmaßes, bis wir aufwachen? Werden wir nur aus einem Schaden klug, der uns unmittelbar trifft?

Es scheint verführerisch einfach, und gerade darin liegt die Täuschung. Auch die Finanzkrise von 2007/2008 hatte ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und führte zu kurzfristigen Produktionsausfällen. Danach wurde die Produktion wieder angekurbelt und vorher brachliegende Kapazitäten zusätzlich aktiviert. Leicht können wir uns vorstellen, dass eine Fortsetzung der vorherigen Wirtschaftslogik zusammen mit einem hörbaren Aufatmen, das durch die Nation geht, wieder auf Wachstum und Globalisierung setzen wird. Und wir würden wieder zu alten Idealen zurückkehren, die uns doch so wie das Postulat vom immerwährenden Wirtschaftswachstum auch in diese Krise geführt haben.  Die pandemische Wirkung von SARS-Cov-2 findet auf dem Rücken des globalen Güter- und Personentransportes statt. Mit dem Ende der Pandemie, wann auch immer, machen wir dann wieder so gut wie möglich weiter wie bisher. Wir vergessen dabei, dass auch Risiken und Nebenwirkungen wachsen werden.

Ist das wirklich denkbar, kann die Menschheit so dumm sein? Nennen wir es nicht dumm, sprechen wir von der Macht der Gewohnheiten. Was uns Menschen all die Jahre kulturell nachhaltig geprägt hat, wird nicht durch einige Krisenmonate ausgehebelt werden. Auch wenn der Schreck noch in den Gliedern sitzt. Auch wenn überfüllte Krankenhäuser und täglich wachsende Todeszahlen eine viel konkretere und bedrohlichere Gefahr sind als das seit Jahren beobachtbare Sterben von Insekten, Vögeln und anderen Tierarten. Selbst mit dem Bewusstsein, es kann uns selbst treffen und ist in der Nachbarschaft angekommen, diskutieren wir bereits wieder über die Fortsetzung von Produktivität in altbekannter Manier. Machen wir uns nichts vor: Verhaltensänderungen brauchen mehr als den (hoffentlich) abklingenden Schrecken im Nacken, den die derzeitige Krise von Covid-19-Erkrankungen ausgelöst hat.

Auch wenn diese Katastrophe bewirkt hat, dass wir genauer hinschauen oder wenigstens nicht länger wegschauen: Bill Gates hatte bereits 2015 bei einem TEDx Talk auf die Gefahren einer Pandemie und die nicht ausreichenden Vorsorge- und Schutzmaßnahmen hingewiesen. Er wurde beklatscht bei der Veranstaltung, doch umgesetzt wurde nichts. Anderes war wichtiger. Selbst die Presse hat wenig darüber berichtet. Trotz Ebola und SARS, die in räumlich begrenzten Gebieten ihr Unheil treiben konnten, wurde die Gesundheitsvorsorge nicht als eine primär öffentliche Aufgabe verstanden. Und so leben wir mit den Konsequenzen, dass gerade private Krankenhausgesellschaften Pflegepersonal in Kurzarbeit schicken, um weiterhin profitabel zu wirtschaften. Und wir spüren die negativen Folgen der Globalisierung, dass wir zu wenige inländische eigene Produktionsstätten für notwendige Versorgung von Ärzteschaft und Pflegepersonal haben.

Was also ist das Gebot der Stunde?

Erstens Solidarität, denn solidarische Gemeinschaften sind schon zuvor besser durch Krisen gekommen. Zweitens betrachten wir die derzeitige Krise als Impuls auf dem Weg zur großen Transformation, bei der das Werteverhältnis von ausbeuterischem Wirtschaften und humanitärer Daseinsvorsorge neu ausgehandelt werden muss. Und hoffentlich drittens eine allgemeine Einsicht, dass weniger mehr sein kann und eine Rückkehr zum menschlichen Maß für unsere globalisierte Gesellschaft überlebensnotwendig ist.

Wie schön wäre es, wenn sich nach überstandener Krise Politik und Wirtschaft auf die Stärkung regionaler Produktions- und Lieferketten-Prozesse verständigen und dabei geleitet von wissenschaftlichen Erkenntnissen dem Suffizienz-Gedanken folgen, dem Klima eine fest etablierte Stimme geben und dem ewigen Steigerungsspiel den Rücken kehren. Dann, ja dann, hätte die Coronakrise über ihren Schrecken hinaus sogar einen nachhaltigen Nutzen gehabt.

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© ISSO 03.04.2020. Autoren: Beatrix Sieben, Martin Görlitz, Illustration: Tom Fiedler. Dieser Beitrag darf unter Nennung von Quelle (ISSO), Autorin und Illustrator frei verwendet werden.

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