Koblenz.10.33 Uhr. Mit etwas Verspätung erreiche ich den Hauptbahnhof. Die Fridays For Future Ortgruppe Koblenz hatte auf Whatsapp zur Klimademo aufgerufen: “Mit Gruppetickets geht’s ab 10.30 Uhr nach Mainz“, hieß es. Die Fridays For Future-Kids sind schnell identifiziert – jung, der ein oder andere mit bunten Haaren und mit Fahnen und Schildern ausgerüstet. In den vorhandenen Gruppentickets ist leider kein Platz mehr, also schnell  ein Ticket am Schalter kaufen und ab geht’s. Die Stimmung ist gut. Sie erinnern mich an Fans, die zu einem Fußballspiel, oder Freunde, die zu einem Konzert fahren – nur ohne das obligatorische Biertrinken dabei.

Im Zug komme ich schnell mit einigen Fridays For Future-Anhängern ins Gespräch: „Warum seid ihr hier und nicht Zuhause oder in der Schule? Warum sagt ihr nicht ‘Lass das die anderen mal machen‘“, frage ich. „Weil die anderen nix tun!“, antwortet mir Daniel, für den Koblenz eine Zwischenstation nach Mainz ist. „Du triffst coole Leute. Kannst etwas rufen und die anderen rufen mit! Und ungeachtet der tatsächlichen Wirkung: Wenn‘s am Ende funktioniert, ist das super!“, beschreibt er seine persönlichen Beweggründe, an den Protesten teilzunehmen. Seine Gruppe umfasst unter anderem Leute aus Düsseldorf, Solingen, Krefeld. Einer seiner Freunde fügt hinzu: “Wäre ich jetzt in der Schule, würde ich vergleichsweise wenig lernen. Hier lerne ich aktiv Managementskills, Organisationsskills und den Umgang mit anderen Menschen.“ Denn die jungen Leute nehmen ja nicht nur an den Demos teil – sie organisieren sie auch. Tausende Menschen werden mobilisiert.  Dazu müssen Absprachen getroffen, Routen geplant, Ordner gebrieft, Anmeldungen ausgefüllt und Reden vorbereitet werden. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

„Wie viele Stunden verbringst du denn mit deinen Fridays for Future Aktivitäten?“ „So auf fünf Stunden komme ich da schon“, sagt Luca aus der Ortgruppe Düsseldorf, den ich etwas später ein paar Plätze weiter im Zug anspreche. „Meine Mutter hat schon immer vegetarisch gekocht, bei uns zu Hause essen wir mittlerweile hauptsächlich vegan. So wie es bei vielen ab und zu Fleisch gibt, gibt es bei uns ab und zu Käse. Sie achtete auch schon immer darauf, uns beizubringen, unseren Müll nicht einfach irgendwo hinzuwerfen.“ Erzählt er ein wenig davon, wo sein Interesse am Klimaschutz seinen Ursprung hat. „In die FFF-Bewegung bin ich dann einfach reingerutscht.“ Über die Position des Schülervertreters führte sein Weg nach dem Besuch einer Klimademo später in die Ortsgruppe Düsseldorf. Verantwortung zu übernehmen sieht er als etwas Positives: „Ich mag es nicht, wenn Menschen nur nörgeln, ohne selbst etwas zu tun.“ So organisierte er später eine große Klimademo im September mit und ist mittlerweile bundesweit aktiv – unter anderem in der „Music For Future“-Arbeitsgruppe. Diese verbindet Musik mit Klimaschutz: Aus einem Netzwerk von Menschen aus verschiedensten Ortsgruppen ergeben sich nach Möglichkeit Musikprojekte. So spielen Luca und sein Sitznachbar Jakob nicht klassisch in einer Band, sondern organisieren eher ein musikalisches Netzwerk, dass sich je nach Bedarf neu formieren kann. „Gute Aufnahmen zu machen ist ja nicht ganz billig. Man unterstützt sich deshalb gegenseitig“, sagt Jakob. Je nachdem, was eben gerade gebraucht wird. Die Songs, die dabei herauskommen, werden unter dem Dach Music For Future  veröffentlicht. “Auf allen Plattformen!“, tönt es im Chor von Jakob und Luca. Enthusiastisch erzählen sie mir, wie sich hier neue Möglichkeiten eröffnen: „Jeder hört Musik!“ Und so ergeben sich Zugänge auch zu Menschen, die sich sonst nicht mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetzen. Natürlich hat die Music For Future-Herangehensweise auch ihre Herausforderungen: „Weil wir bundesweit verteilt sind, ist es oft schwer, regelmäßig zusammen zu spielen und zu üben“, sagt Jakob. Neue Verbindungen müssen also nicht nur geschaffen, sondern auch gefestigt werden. Wie neuronale Verbindungen bei der Bildung von Gewohnheiten im Hirn.

Generell ist die Leichtigkeit der Kommunikation zwischen den einzelnen Orts- und Arbeitsgruppen beeindruckend. Da deren Mitglieder alle relativ jung sind, geht der Umgang mit den dazugehörigen Medien leicht von der Hand. So werden Whatsapp, Discord und die Cloud für den schnellen Austausch genutzt. Das Ganze erinnerte mich an einen beeindruckenden Vortrag aus meinem Studium von Stanley McChrystal über die Flexibilität von Netzwerken im Vergleich zu klassischen hierarchischen Strukturen.

Diese Flexibilität ist auch notwendig: Viel Austausch, schnelles Feedback und damit schnellere Entscheidungsfindung sind angesichts des kurzen Zeitfensters, das der Klimawandel mit sich bringt, besonders wichtig. Generell schwingt im Gespräch mit den jungen Menschen im Zug das Verständnis, dass es bei der Klimabewegung letztendlich um unser aller Wohl geht und darum vernünftig mit den Ressourcen unserer Welt umgegangen werden muss, jederzeit mit. Es erscheint selbstverständlich, etwas, das klar ist, und  das die Jugendlichen so grundlegend in ihre Entscheidungsfindung miteinbeziehen, dass es schwer vorstellbar ist, wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen und Institutionen ignoriert werden. Der Austausch macht auch deshalb sehr viel Spaß. Ich erzähle von dem, was das ISSO so tut und verteile einige Flyer zu unserer Vortragsreihe in Kooperation mit den Scientists4Future Koblenz.

Mainz. Kurz darauf kommen wir in Mainz am HBF an. Immer den Fridays For Future-Kids folgend finde ich schnell den Weg auf den Platz auf dem die Demo stattfindet.Ein Meer aus Fahnen und Schildern erwartet mich. Vorn auf der Bühne wird gesprochen: Laut und deutlich wird zunächst die Menge begrüßt, ebenso deutlich wird anschließend die Tatenlosigkeit der Machthabenden angeprangert. Es wird über die katastrophalen Konsequenzen dieser Tatenlosigkeit gesprochen. Die Stimme der Jugend und ihrer Mitstreiter aus allen Altersgruppen stellt immer lauter und lauter klar, dass das so nicht mehr hingenommen wird. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie energiegeladen diese Reden sind. Viele dieser Kids werden mit diesem Tatendrang und mit der Erfahrung, die sie hier machen, zu den Entscheidern von morgen. Irgendwie beruhigend. Bewaffnet mit einer Zimtschnecke gegen die zwischenzeitliche Hungerattacke bahne ich mir weiter meinen Weg durch die Menge. Ich sehe dabei alle Hautfarben und Altersgruppen, während auf der Bühne mittlerweile eine junge Band für die musikalische Untermalung sorgt. Am Rand des Platzes steht ein großes Feuerwehrauto mit Anhänger. Das Besondere daran: Das Auto soll nachher durch Muskelkraft gezogen werden, der Motor bleibt aus, ganz im Sinne des Klimas. Bald darauf setzt sich die Demo dann auch in Bewegung. Aus dem Anhänger hämmert laute Musik: “Es ist zwölf, es ist nicht mehr fünf vor zwölf“ von Courtier und ich kann wie viele um mich herum nicht umhin mitzutanzen. Ja, es ist zwölf, der Wecker hat schon geklingelt, wir haben verpennt und wachen jetzt erst auf. Nun heißt es handeln, denn jede Minute zählt. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jetzt vor Panik die Unterhose auf den Kopf ziehen und das Frühstücksmüsli in die Socken kippen sollten. Es bedeutet fokussieren, entscheiden, handeln – jetzt! Obwohl ich eigentlich schon weiter muss zieht mich die Musik magisch an. Der Scheiß hört sich echt gut an. Die Message der Teilhabe an der Gestaltung der Welt ist gut verpackt. Die Stimmung ist gut, das Energielevel hoch – und das sollte es auch sein: Es noch viel zu tun! Kurz darauf gehen die Menschen um mich herum zu Boden: In einem „die-in“ wird demonstriert, dass Klimawandel tötet. Als ich so daliege, den Blick gen Himmel gerichtet, spüre ich eine wohlige Wärme in mir: das gute Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Nun muss ich aber los! Während ich die vielen bunten kreativen Plakate betrachte, von „Babies For Future Babies“, über „Omas For Future“ bis zu einem simplen „Shit’s on fire yo“, verlasse ich die Demo. Ich muss zum Erbacher Hof, um Räume für einen Workshop am 27.01. zur Nachhaltigkeitsstrategie Rheinland-Pfalz, im Rahmen des ISSO Projektes WINN-RLP, zu reservieren.

Etwa eine Stunde später. Nach dem Termin komme ich zurück auf nun relativ leere Straßen. Menschen gehen ihren Weg und es ist, als wäre nichts gewesen. Das sind die stillen Momente: Wie verhalten wir uns, wenn wir nichtgemeinsam mit mehreren 1000 Menschen „Es gibt – kein Recht – Auf Kohle-Bagger-Fahren“ rufen? Meiner Meinung nach sind diese Momente genauso wichtig, denn eine High-Energy-Veranstaltung mit hohem Organisationsaufwand wie eine solche Demo findet nicht täglich, sondern eher monatlich statt. Sie nimmt also nur eine relativ kurze Zeit ein, auch wenn sie hohe Aufmerksamkeit generiert. Das Leben – und damit die meisten der Entscheidungen, die Einfluss auf unser Klima haben, findet zum größten Teil in diesen stillen Momenten dazwischen statt. Auf meinem Weg zum Hauptbahnhof treffe ich die Demo wieder. In der Ferne tönt Rockmusik, ich sehe Schilder und bin nun in einer anderen Position: Statt mitten drin nun als Beobachter von außen zwischen anderen Beobachtern. Unwillkürlich höre ich hinter mir laute Beschwerderufe: „Haben die ja schon wieder schön verschissen!“ Ein junger Mann scheint unzufrieden zu sein und beschwert sich lautstark. Über seine Freunde? Die Regierung? Seine weiteren Ausrufe interpretierend, schließe ich eher auf letzteres. Ein Freund folgt ihm und spricht Worte der Zustimmung. Das erinnert mich zurück an Luca und dessen Einstellung: Statt einer der Menschen zu sein, die nur nörgeln, packt er die Dinge lieber an und verändert etwas. Das reflektiert sich in dem Grad an Lebensfreude den die beiden ausstrahlen: Der sich beschwerende junge Mann scheint das Leben eher als Bürde zu sehen, als eine Welt die er lediglich ertragen muss, Umstände, an denen andere Schuld sind. Für Luca hingegen ist die Welt voller Möglichkeiten, die wahrgenommen und umgesetzt werden wollen.

Text und Bilder: Ilja Maiber

Mehr Informationen zu der Vortragsreihe der Scientists for Future Koblenz im ISSO gibt es auf unserem Blog und der Homepage der Hochschule Koblenz sowie der Scientists for Future Deutschland.