„Diese Frau streut einen Teelöffel Zucker in ihren Garten. Sie glauben nicht, was dann passiert.“ Hä?

Solche Texte lesen wir seit einiger Zeit zu hunderten jeden Tag online als Titelzeilen in Artikeln und Werbeanzeigen.

Kopfzeile hatte früher was mit Kopf zu tun.

Ein anderes Wort für Titel in der Printsprache war früher Kopfzeile, englisch headline. Kopfzeile klingt irgendwie nach Kopf, nach Denken, nach „head of“, nach dem obersten, dem zentralen Motiv. So habe ich das immer gesehen. Der Titel eines Beitrages soll in knapper Form den Inhalt beschreiben und interessant, aber sachlich zusammenfassen.

So weit, so alt. Heute scheint das alles nicht mehr zu gelten, erfunden haben es vermutlich die Werbepsychologen. Titel werden nicht mehr geschrieben wie früher, sie müssen heute in mindestens der Hälfte der Fälle eine schräge Frage beinhalten, in der anderen eine gewagte, möglichst wirre Hypothese. Sie ahnen es schon: Ich hasse diese Art von Titeln. Ich hasse es, wie ein Idiot mit Werbetiteln beschossen zu werden in der Art „So bekommen Sie einen Treppenlift in Koblenz umsonst!“ Ich springe auch nicht auf Pseudo-Intelligenztests an, nur weil obendrüber steht: „Nur wenige lösen diese Aufgabe richtig“ (man sieht ein paar Striche, Kreise oder Dreiecke). Warum muss man uns mit solchen Überschriften quälen? Eine erste Vermutung bestätigt sich nicht: Die Bild-Zeitung scheint von dieser Art Titeln selbst wenig betroffen. Da steht immer noch Klartext, „Rentner beißt Hund“. Die Vermutung anhand der Sprachmuster ist eher, dass „globale“ Werbetexte mittlerweile eine automatisierte, miserable Eindeutschung erfahren. Falls ein Lingu-Forensiker (wir definieren: jemand, der herausfindet, wie es zu einer schon fast kriminellen Formulierung gekommen ist) diese Zeilen liest, wären wir für Quellenbeispiele und Herleitungsideen dankbar.

Ich bin für die Rückkehr zu einem ehrlichen Titeljournalismus. Eine Katze ist eine Katze ist eine Katze. Was soll ein Titel wie „Sie werden nicht glauben, wer diese Frau so zerkratzt hat“? Es reicht doch, zu schreiben, „Katze kratzt Frau“, dann kann jede Katzenfreundin den Artikel begeistert lesen, jeder Katzenfeind hingegen den Beitrag als unnötig einschätzen und getrost überlesen. Aber genau da steckt wohl die Absicht, man soll die Überschrift eben nicht sofort verstehen. Irgendwer glaubt, diese Art von Verblödungstiteln würde eine höhere Aufmerksamkeit erzeugen als der bisherige normale Titel. Das Ganze ist eine Algorithmusfrechheit, sozusagen Titeln 4.0 für schlicht mehr Klicks. Eine ganze Armada von selbsternannten Werbesprachwissenschaftlern ist vermutlich seit einiger Zeit dabei, unsere Sprache endgültig so zu verflachen, dass sie mit internationalen Werbebotschaften gleichgeschaltet ist. Oder noch schlimmer: Das ist alles Automatensprache. Schwachsinnige Titel kenne ich sonst nur von unserer örtlichen Zeitung, aber in einer solchen Menge könnten selbst die das nicht produzieren. Das Phänomen muss ein IT-Produkt sein, und irgendwer wird sogar „künstliche Intelligenz“ dazu sagen, wie peinlich.

Wie weit kann Mediensprache noch sinken?

Das Thema betrifft uns alle, und es hat sich in den Medien unschön festgesetzt. Deshalb rufen wir hiermit zu einer spontanen, zunächst analytischen Gegenreaktion auf. Gerne können Sie also zur Verbesserung der Sprachqualität in den Medien beitragen und uns Fundstücke besonders schlimmer Beispiele verbaler Verblödungsangriffe aus Titeln irgendwelcher Beiträge zusenden (Die Beiträge selber kann man meist weglassen).

Wir werden dann, gerne mit Ihrer Hilfe, eine Kategorisierung versuchen:
[1] Überschriften, von denen man glauben kann, ein Mensch hätte sie geschrieben.
[2] Vermutlich verunglückte Computer-Titelübersetzungen, bei denen einem ja häufig der Ausdruck in der Ursprache auf die Zunge springt.
[3] Besonders interessant: Beispiele, die im Sinne des oben erfundenen Stichwortes Lingu-Forensik (nicht forensische Linguistik, das ist etwas anderes) darauf hindeuten, dass absichtlich grausam verstümmelte Titel durch Computerprogramme hergestellt wurden. Hier kommen also quasi [1] und [2] zusammen.

Ihre Fundstücke senden Sie bitte per E-Mail an lumpensammler@hallo.ms

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