von Corine Pelluchon

Trotz Krisen fällt es uns weiterhin schwer, Erkenntnisse in konsequentes Handeln umzusetzen. Die Frage, wie wir zukünftige leben wollen, lässt sich nur mit einem gewissen Sinn für Utopien aufgreifen. Die Voraussetzung dafür ist, sichtbare Folgen des Klimawandels und die Gefährdung unserer Demokratien nicht länger zu leugnen. Sich stattdessen auf die eigene Intelligenz und die Fähigkeit der Anpassung zu besinnen und mit der Zukunftsgestaltung zu beginnen

Corine Pelluchon öffnet Denkräume auf einem breiten Fundament philosophischen Denkens, beginnend mit dem sokratischen Zweifel entlang vieler unterschiedlicher philosophischer Ansätze des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie orientiert sich an unterschiedlichen Denkrichtungen und bedient sich dabei nicht nur der Antike und Moralphilosophie, sondern integriert auch Phänomenologie, kritische Theorie oder politikwissenschaftliche Erkenntnisse. Um, nach ihrer eigenen Aussage, „wesentlichen Ideale der Vergangenheit zu retten“, greift sie die Aufklärung in kantianischer Tradition auf und formuliert von dort aus neu. Dies geschieht indem sie „den Menschen als körperliches, gezeugtes, sterbliches und somit verletzliches Wesen“ aufzeigt.

Für die französische Philosophin gilt es den Dualismus von Natur und Kultur zu überwinden, um einen ganzheitlicheren Weg einzuschlagen und um die Aufklärung zu erneuern, die als gescheitert angesehen werden muss oder mindestens einen Bruch erlitten hatte, durch die Fortsetzung von Kriegen und die Finsternis des Nationalsozialismus.

Erst die Akzeptanz der menschlichen Abhängigkeit von Luft, Nahrungsaufnahme, Bedürfnissen nach Zugehörigkeit, Nähe und geistiger Verbundenheit schafft, in ihren Augen, ein neues zukunftstaugliches Bewusstsein. Aus dem Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit erwächst Demut und möglicherweise die Bereitschaft sich einzusetzen für den gemeinsamen Lebensraum, und darin die Zukunft zu gestalten. Dies ist mit Veränderungen verbunden, es gilt eigene Grenzen zu überwinden und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Empathie gehört dazu. Empathie ermöglicht eine angstfreie Annäherung an Fremdes und vielleicht dabei eine beglückende Erfahrung von Vielfalt und Pluralität. Die eigene Welt wird reicher durch Empathie.

Die Verletzlichkeit aber lässt sich als eine dauerhaft verbindende Komponente aller Menschen in der Welt verstehen, die sich als vorübergehende Bewohnerinnen und Bewohner der Erde begreifen. Sie erkennen darin auch ihre Verantwortlichkeit für andere Lebewesen, die ihnen nicht untergeordnet sind, doch schützenswert, weil ebenfalls Bewohner des Planeten. Ein solches materialistisches Grundverständnis ermöglicht eine neue Art von Empfindsamkeit, mit der „das menschliche Denken scharfsinnig und kreativ“ wird. Daraus ergibt sich eine neue Haltung, ein anderer Umgang mit sich selbst, anderen Menschen und anderen Lebewesen. Ein solches Denken ermöglicht es, mit einem freien, ungetrübten Blick ein neues Zeitalter einzuleiten. Aktuelle ökologische Fragen werden im gemeinschaftlichen Verbund gelöst und nicht wie bisher zum eigenen unternehmerischen oder nationalistischen Vorteil verschleiert oder negiert.

Es entsteht ein neuer Zugang zu einer Welt, die nicht beherrscht werden muss, die als Möglichkeitsraum zur Verfügung steht und gestaltet werden kann- gemeinsam und zum Wohle aller.

Die Utopie eines kooperativen Gesellschaftsmodels basiert auf dem Erkennen der materiellen Abhängigkeiten für alle Lebewesen und der Einordnung des Menschen in diese Gemeinschaft der Lebendigen. Aus diesem Verständnis wächst für Corine Pelluchon die neue Aufklärung, die Gefühle einbezieht und diese neben Rationalität stellt. Die Überwindung von bestehenden hierarchischen Strukturen bietet Hoffnung für eine wünschenswerte Zukunft, die ebenfalls, die noch Ungeborenen berücksichtigt „eine Gesellschaft zu schaffen, die das Versprechen der Philosophie auf Menschenrechte hält und dauerhaft Frieden zwischen den Menschen und zwischen den Staaten schafft“.

Pelluchon entwickelt in ihrer neuen Aufklärung ein universelles Denken, welches auf einer emanzipierten und autonomen Haltung beruht, die nicht abgehoben ist und keinen Herrschaftsanspruch gegenüber anderen Menschen oder Lebewesen beansprucht. Ihr Bekenntnis zur menschlichen Verletzlichkeit und der sich daraus abrufbaren Fähigkeit Empathie zu entwickeln und für ein kooperatives Zusammenleben zu nutzen, bietet einen auf Frieden ausgerichteten Ansatz. Dieses Denken bietet einen direkten Gegenentwurf zu populistischen Strömungen und einem transhumanistischen Denken, dem sie deutlich widerspricht, da sich hier vor allem Technikgläubigkeit und Herrschaftsanspruch vereinen und eine konkrete Gefährdung der Demokratie darstellen.

Mit ihrem aktuellen Buch Das Zeitalter des Lebendigen ergänzt Corine Pelluchon ihre philosophische Herleitung (Die Ethik der Wertschätzung) und ihre Gesellschaftskritik (Wovon wir leben und Ein Manifest für die Tiere) um einen praktischen Ansatz. Sie ermutigt dazu, uns als Gemeinschaft des Lebendigen neu zu definieren und zu erleben, um gemeinsam und mit vereinten Kräften, in eine ungewisse Zukunft zu navigieren. Sie bietet ihre neue Aufklärung und die Idee eines angestrebten Universalismus als Orientierung. Sie erklärt sich persönlich dazu bereit, den Aufbruch, der regional längst begonnen hat, mit ihrem Denkansatz und ihrem Engagement zu unterstützten. Mit ihrem Leitspruch „Die Erde heilen und die Zukunft vorbereiten“ drückt Pelluchon ihre persönliche Hoffnung aus, dass Menschen den Wandel als freie Entscheidung wählen und bereit sind Verluste zu akzeptieren, die sicherlich auch schmerzhaft empfunden werden. „Wir können von einem moralischen Fortschritt sprechen, getragen von einer Bewegung von mehr und mehr Menschen, die sich um Ökologie und Tierwohl kümmern.“

Corine Pelluchon erhielt 2020 den Günter-Anders Preis für kritisches Denken und arbeitet derzeit als Fellow am New-Institut in Hamburg, um dort mit unterschiedlichen Wissenschaftler:innen neue Denkwege für die Transformation der Gegenwart in die Zukunft aufzuzeigen und zu erarbeiten.

Veranstaltung am 20.05.2022 im Gewölbesaal des Alten Kaufhauses in Koblenz. Diskussion Eric Mührel, Beatrix Sieben, Corinne Pelluchon

Hier geht’s zum Blogbeitrag „Die Aufklärung heute neu denken“ und zur Pressemitteilung „Nachbericht Vortrag Corine Pelluchon

Sehen Sie hier die Veranstaltung vom 20.05.2022 im Gewölbesaal des Alten Kaufhauses auf YouTube im Kanal von STUDIYOO.