Erinnerungen an Iwojima 1945: Das wohl bekannteste Kriegsfoto aller Zeiten, hier als Wallpaper auf der Ukrainischen Militär-Webseite zum Download nachgestellt

Wie ein kleines Team mit Drohnen die russischen Panzer aufhielt

Um den ersten März 2022 schaute die Welt geschockt auf einen rund 60 Kilometer langen Konvoi aus Fahrzeugen und allem möglichen Militärgerät, der sich von Norden auf Kiew zu bewegte. Damit würde die Hauptstadt eingekesselt, das Schicksal von Kiew schien besiegelt, der Krieg verloren angesichts der übermächtigen Aggressoren.

Und dann auf einmal: Stillstand. Zunächst unklar, warum dieser Konvoi zum Stehen gekommen war, es folgten erste Bilder. Die Spitze des Konvois war angegriffen und einige Fahrzeuge präzise zerstört worden, damit steckte die ganze Kolonne fest. Die Angriffe gingen weiter, die Russen waren scheinbar machtlos. Wer steckte dahinter?

Eine kleine, operativ wohl nur etwa 30 Personen umfassende NGO (Nicht-Regierungs-Organisation), gegründet 2014 als eine Art High-Tech-Bürgerinitiative, hat sich die Luftaufklärung und Verteidigung des Landes zur Aufgabe gemacht hat, so unglaublich das klingt. Das Team aus Drohnenbastlern, vermutlich auch Bombenexperten und einigen Soldaten heißt Aerorozvidka, zu Deutsch Luftaufklärung, hier kann man ihre Webseite finden: https://aerorozvidka.xyz/. Selbst die Vereinsstatuten sind öffentlich lesbar. Wer für Aerorozvidka spenden möchte, kann das ganz einfach über Paypal oder ein Bankkonto. Alle Angaben findet man auf der Homepage.

Facebook-Seite von Aerorozvidka: „Luftfahr-Zulieferer“

Viele Medien haben die Story aufgegriffen, der Guardian berichtet in einem Youtube Video mehr dazu mit Bildausschnitten von Aerorozvidka. Es gibt seit 2014 eine Facebook-Seite, dort ist die Organisation auf Deutsch als „Luftfahrt-Zulieferer“ gekennzeichnet, eine wahrlich nette Umschreibung. Dazwischen dann die Bilanz der zerstörten russischen Einheiten als tägliches Video. Beim Schreiben dieses Beitrages liest man: 17.700 tote russische Soldaten. Wir wissen, dass jegliche Zahlen in diesem Krieg mit großer Vorsicht zu nehmen sind, aber dramatisch sind die russischen Verluste in jedem Fall. Diese Berichte sind psychologische Kriegsführung via Social Media.

Wer sich nun mit Aerorozvidka beschäftigt, bekommt den Eindruck, dass es sich hier um eine begeisterte Truppe von Drohnenbastlern handelt, die lediglich in einer Art Crowdfunding-Aktion den Russen zu Leibe rücken und keine Millionen aus der Kriegskasse erhalten. Ihr Material kaufen sie im Internet oder im örtlichen Elektroladen zusammen, die Webseite bittet vor allem um Spenden. Eine solche Basis soll ausreichen, um die gefürchtete russische Armee in die Knie zu zwingen? Ehrlich gesagt: Wir glauben es. Die technologischen Möglichkeiten, die heute jedermann(frau) in die Hände gelegt sind, haben eine Mächtigkeit erlangt und vor allem eine Innovationsrate, mit der schwerfällig militärische Beschaffungs- und Logistikapparate nicht mithalten können. Das technologische Steigerungsspiel kann man kritisch als einen Veitstanz ansehen, aber in diesem Fall könnten einige Bastler tatsächlich technologisch der schwerfälligen Armee mit möglicherweise ineffizienten Strukturen und schlecht ausgebildeten jungen Rekruten, wie man liest, überlegen sein.

Anhand dieser Bilder und Eindrücke möchte man sich freuen mit den Ukrainern, die quasi in einer Art kreativem Bürgerhandeln mal eben die Invasionsarmee stoppen und reihenweise Panzer nadelstichartig zum Explodieren bringen. Dass dieselbe Technik auch in der Hand von Terroristen sein könnte, mag man dabei eher verdrängen, aber auch das ist Wahrheit.

Die Ukraine hat ganz offensichtlich, das dringt jetzt durch verschiedene Meldungen, in ihrer IT-Struktur sehr gut vorgebaut. Nach dem ersten Angriff Russlands 2014 hat man massiv aufgerüstet. Das Rückgrat der Internet-Verbindungen ist oft mehrfach ausgeführt, so dass die Fehlertoleranz des Netzes noch deutlich größer ist als es ohnehin im Strukturkonzept liegt. Aber auch die „innovative“ Nutzung und Verknüpfung aller möglichen Anwendungen ist erstaunlich. Russische Truppenbewegungen lassen sich teilweise als Staumeldung in Google Maps finden, und etliche ukrainische Frauen lassen sich angeblich von russischen Soldaten über Tinder kontaktieren, und wenn einer davon zwei oder drei Kontakte in unterschiedlichen Landesteilen anklickt, verbinden sich diese Kontakte rückwärts zu einem System der Kreuzpeilung, woraus wieder Standorte russischer Einheiten ermittelt werden. Landesschutz vor Datenschutz. Dass unverschlüsselte Funksprüche abgehört werden, ist da fast schon Steinzeit.

 

Geht’s nicht etwas friedlicher?

Wir alle wünschen uns, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet wird. Fast jedes Medium bietet deshalb derzeit Beiträge an wie „fünf (oder mehr) Szenarien, wie es in der Ukraine weitergeht“. Ein Szenario, das wir im Folgenden entwickeln werden, ist leider nicht dabei. Es könnte zu einfach sein.

Gehen wir zurück in die ersten Tage des März 2022, als die Bilder dieses riesigen, steckengebliebenen Militärkonvois durch die Welt gingen. Damals haben wir uns gesagt: Das ist doch eine wunderbare Gelegenheit für ein Lehrstück direkter psychologischer Kriegsführung. Die Invasionsarmee steht da und wartet. Man müsste sofort mit simplen kleinen Drohnen über diesem Konvoi massenhaft Flugblätter abwerfen, mit freundlichen, empathischen Texten, für jeden etwas dabei. Für die einfachen Leser nette Worte wie „Kehrt um, Eure Mütter warten auf Euch“, für die intellektuelleren vielleicht Texte aus Krieg und Frieden oder den Brüdern Karamasow. Die russische Literatur bietet ja nun genügend Quellen für die aktuelle Situation.

Diese Idee kursierte also hier in den Köpfen, von Aerorozvidka wusste man noch nichts. Dann jedoch kam eine weitere Information hinzu: Die Russen haben zu wenig Proviant, müssen betteln oder plündern, die Rationen sind teils um Jahre abgelaufen. Das macht die Idee mit den Flugblättern noch interessanter. Man könnte ja sagen, Flugblätter bringen nichts, aber kleben wir doch jedes Flugblatt an eine Tüte Gummibärchen! Es gibt ja diese kleinen Tüten, das ist nicht so teuer, Haribo spendet möglicherweise eine Tagesproduktion für die Ukraine oder quasi indirekt für die Ernährung der russischen Truppen. Auszuliefern über Aerorozvidka. Das wäre ein unendlich pazifistischer Akt der Völkerverständigung, und eines ist klar: Flugblätter wirft man vielleicht noch weg, Tüten mit Gummibärchen nicht.

Gut, die psychologische Kriegsführung hat sicher schon differenziertere Methoden entwickelt als das Abwerfen von Gummibärchen, aber zum Vorgehen der Russen passen offensichtlich eher die einfachen Mittel. Also, liebe Aerorozvidkas, wie wäre es, wenn Ihr nicht nur Bomben, sondern mit einer Flotte kleiner Drohnen auch Gummibärchen mit netten Botschaften abwerfen würdet? Wir sind sicher, dass das globale Crowdfunding-Volk diese Aktion mit viel Geld finanzieren möchte. Wir wären auch dabei. Eine solche Aktion würde in der allgemeinen Wahrnehmung, dass Drohnen töten und das Internet die Basis dafür ist, einen kleinen Ausgleich schaffen. Zynisch genug ist die ganze Sache bereits.

 

It’s time to say goodbye

Ist diese Idee wirklich so abwegig?

Die Moral der russischen Truppen scheint ohnehin brüchig. Es gibt offensichtlich viele gezwungene Freiwillige, sehr junge Soldaten, die mit fadenscheinigen Tricks an diese Front geschickt werden. Es könnte eine Chance sein, die Moral dieser Truppen gezielt und mit hoher Wirkung zu untergraben. It’s time to say goodbye wäre auch eine gute musikalische Botschaft, Musik aus fliegenden Ghetto Blastern nachts über die russischen Stellungen summen lassen. Erinnerungen an den Vietnamkrieg kommen hoch, als die US Truppen mit Drogen in die Kämpfe zogen und an den Hueys, dem Bell UH-1, angeblich Lautsprecher angebracht waren, die passenden Rock spielten. Zumindest kennen wir das aus den einschlägigen Filmen. Wie also wäre eine Neuauflage? Welche Titel würden Sie empfehlen?

Man sollte zumindest versuchen, die Russen mit diesen äußerst friedlichen Mitteln der Propaganda zu überziehen. Friedlicher geht es nicht. Wir werden über den russischen Truppen Kamellen abwerfen, und an jeder Tüte wird ein Zettel mit Botschaften hängen. Der Grundgedanke ist, den Krieg durch Bildung und Information zu beenden. Da kann auch schon mal ein Text von Dostojewski draufstehen. Es würde das volle Register der Empathie gezogen. Kein RUSKI GO HOME, sondern sehr freundliche, unterschwellige und sympathische Botschaften, die mit der russischen Seele und Geschichte abgestimmt sind.

Die Moral des Gegners zu untergraben, ist schon immer eine probate Waffe gewesen, und Herr Selenskyj beherrscht sie selbst perfekt. Jeder Mensch, der egal auf welcher Seite nicht getötet wird durch eine Aktion der psychologischen Kriegsführung, ist ein Erfolg. Da kann selbst die Friedensbewegung mitmachen, WAR IS OUT. Das ist die Botschaft. Wir sind Euch nicht böse, aber geht jetzt nach Hause. Und vergesst die Gummibärchen nicht. Da drüben hinter dem ausgebrannten Panzer liegen noch ein paar.