Eine Nachlese zum Vortrag von Prof. Dr. von Heereman, PTHV

Sprache ist, so ein Bonmot aus dem Vortrag, wahrlich in aller Munde, sie geht uns also quasi sehr nahe. Jede*r ist betroffen, wenn es um Veränderungen geht. Die meisten kämpfen allerdings mehr mit geänderter Rechtschreibung als mit dem Gendern. Das Gendern, so fanden die Zuhörer*innen dieses Vortrags heraus, ist natürlich im Journalismus und vor allem in der Wissenschaft und ihren Publikationen von Bedeutung. Das gesprochene Wort kann man korrigieren, eine Drucksache nicht.

Ist das korrekte Gendern also ein akademisches Problem? Natürlich nicht. Uns allen ist bewusst, dass Geschlechtergerechtigkeit in allen Gesellschaften dieser Erde unvollkommen ist und das individuelle Leben mehr oder weniger stark beeinflusst. Prof. von Heereman arbeitet als Philosoph und Nicht-sprachwissenschaftler allerdings heraus, dass man über sprachliche Normierungen nicht unbedingt gesellschaftliche Veränderungen erzwingen kann, im Gegenteil: Wenn Sprache im Sinne von Ansprache so individualisiert wird, dass die Wirkung eines Satzes mehr in der Anrede einzelner Gruppen liegt als in der Aussage als solcher, dann kann die gendergerechte Rede sogar entzweiend sein. Oder muss es entvielend heißen?

Schnell wird klar: Das Problem der Gendergerechtigkeit lässt sich nicht auf Sprache begrenzen. Das kratzt nur an der Oberfläche. Ein Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass die Bildung der Geschlechterzuordnung von Gegenständen sehr unterschiedlich erfolgt ist, jeder kennt den Mond und die Sonne, aber la lune und le soleil, um nur eines der bekanntesten Beispiele zu nennen. Das Geschlecht zu einem Wort hat sich über die Jahrhunderte nicht nach Regeln entwickelt und ist auch nicht überall binär. Es gibt Sprachen ohne Geschlecht und solche mit etlichen zehn Geschlechtsformen.

Was machen wir nun daraus? Prof. von Heereman führt die Gedanken folgerichtig zu der Aussage zusammen, dass unsere Sprache ein nützliches Kommunikationsmittel sein soll, kein Gegenstand von Gewalt. So wie wir Hass nicht in der Alltagssprache wollen, soll auch das Gendern nicht zersetzend, sondern harmonisierend sein. So weit, so gut. Am Ende stellte sich unter anderem die Frage: Wer wacht darüber, wer ist zuständig? Sicher nicht der jedem bekannte Duden, sondern beispielsweise die Gesellschaft für deutsche Sprache. Ein interessanter Anschlussvortrag wäre, die Interaktion von empfohlener Sprache und Gesellschaftskritik zu beleuchten.

Junge Zuhörer könnten zu diesem Vortrag die Kritik äußern: Da reden zwei alte Männer über Sprache, das Thema gehört doch viel mehr in die jüngere Generation. Wir von ISSO nehmen diese Idee gerne zum Anlass, die weitere Vortragsreihe 2021 mit mehr Diskussionsteilnehmern zu gestalten, und freuen uns dazu auf Vorschläge!

Den Kompletten Vortrag finden Sie hier auf YouTube in dem Kanal von studiyoo.

Weiter Informationen zur PTHV (Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar) und zum Referenten finden Sie hier.