Der Frage „Welche Haltung und welche Werte braucht es für eine nachhaltige Entwicklung?“ folgte der vergangene Vortrag unserer Reihe „Scientists for Future“ und bildet damit einen Dreiklang mit zwei weiteren Vorträgen aus dem Oktober. Prof. Reinhard Loske von der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung fragte: Wie kann das Leitbild einer zukunftsfähigen Wirtschaft aussehen, bei der die Wirtschaft wieder mehr in die Gesellschaft und die Natur eingebettet ist und diese (beiden…) nicht plündert? Der Anschlussvortrag zeigte, wie „Technikfolgenabschätzung“ sich schnell zu einem komplizierten Gebilde entwickelt und wir kaum in der Lage sind, vor der Einführung neuer Technologien deren Wirkung wissenschaftlich sauber voraussehen zu können.

Nun beleuchtete Prof. Eric Mührel die Ansicht, dass es doch im Kern auf unser Wertesystem ankommt und von dem aus sich unser Handeln entwickelt. Haltung zeigen, das hören wir in diesen Tagen oft und verstehen es als das Eintreten beispielsweise für Minderheiten, die ausgegrenzt und angegriffen werden. Haltung zeigen für Umwelt und Natur, das scheint immer noch etwas für Ökos zu sein und nicht für jeden, oder? Haltung zeigen, wie kommt es und was bringt uns dazu, unsere Werte und Einstellung aktiv zu vertreten? Als Beispiel aus der Denkrichtung der französischen Convivialisten leitete Prof. Mührel das Wort Vernunft aus dem „Vernehmen“, dem Aufnehmen von Informationen und deren vernunftorientierte Einordnung her.

Daraus folgt ein Handeln, letztlich im Sinne des Kant’schen Imperativs, bezogen auf unsere heutige Welt. Für die, so Ernst Ulrich von Weizsäcker, braucht es ein Neudenken der Aufklärung, denn sie ist eine Welt voller Menschen im Gegensatz zu der früheren beinahe menschenleeren Welt, in der scheinbar Gestaltungsmöglichkeiten bestanden, ohne sich um planetare Grenzen zu kümmern. Eine neue Aufklärung sieht sich auch mehr in der Rolle des Verstehens globaler Zusammenhänge, nicht mehr unter dem Ziel des Beherrschens von Natur und Umwelt. Aufklärung 2.0 berücksichtigt die planetaren Grenzen, für die wir Menschen nur schwer Verantwortung übernehmen wollen. Zu sehr verlassen wir damit unseren persönlichen Bereich, unsere Familie, unseren Handlungsraum, zusammengefasst: Unseren Oikos (griech. Hof)

So gibt sich die „Neue Aufklärung“ das Ziel, die an ihre Grenzen kommende Welt zu reparieren und darin das maßgebliche Element der Zukunftsvorsorge zu sehen.

Die Überzeugung, mit genügend Mitteleinsatz letztlich alles beherrschen zu können, weicht der Einsicht einer Verwundbarkeit des einzelnen und der gesamten Spezies. Dies betrifft nicht nur austauschbare oder niedere Arten, ist dies nicht eine arrogante Kolonialistische Denke, die das annimmt? Weshalb sollte das Artensterben vor uns Menschen haltmachen?

Notwendig ist die Wiederherstellung vieler Balancen, die aus dem Ruder gelaufen sind. Die von Prof. Loske erwähnte Wiedereinbettung der Wirtschaft in die Bedürfnisse von Gesellschaft und Natur ist ein Richtungswechsel und orientiert sich auch an Alexander von Humboldt, der schon vor knapp 200 Jahren die Gefahren einer Ausbeutung der Welt voraussah.  Mührel weist in Anlehnung an von Weizsäcker auf die Polaritäten Staat und Markt, Staat und Religion hin und auf die Gefahren eines zu kurzfristigen statt eines langfristigeren Denkens. Ambivalenzen, die wir als Spannungsfelder erleben.

Bei ISSO freuen wir uns über die Vortragsreihe, die am Ende stets in der Aufforderung zum eigenen verantwortlichen Handeln mündet. Da steckt das O von ISSO drin und somit unsere Vision von Oikonomics (abgeleitet vom griech. Wort oikos) der Verantwortungsübernahme im eigenen Lebensumfeld, aus der sich gesellschaftliche Verbesserungen speisen. Die Haltung für ein aktives Leben und für den Mut sich ins Ungewisse aufzumachen, gelenkt von der Idee der Erkenntnis.