Eine Frau wie Simone de Beauvoir (1906- 1986) war lange Zeit eine Person des öffentlichen Lebens. Im extravaganten Denkerkreis um Sartre in den 30er Jahren, als Literatin in den 50er und als Feministin in den frühen 70er Jahren machte sie immer wieder von sich reden. Viele Kritiker, meist Männer aber auch Frauen haben über die „Tochter aus gutem Hause“ (1958) geschrieben. Es liegen bereits einige Biografien vor, welchen Mehrwert kann man denn von einer neuen Biografie über die Grand Dame erwarten? Kate Kirkpatrick, selbst Doktor der Philosophie, lehrt in Oxford und London,  wertete zusätzliches Brief- und Tagebuchmaterialien aus und lässt Simone de Beauvoir als wissbegieriges Mädchen, als ehrgeizige Studentin, denkaktive Philosophin, Liebende, Geliebte, politisch Denkende und Feministin neu und eindrucksvoll vor unserem geistigen Auge entstehen. Selbstverständlich weist sie auch auf die lebenslange Liebe, Freundschaft und Seelenverwandtschaft zu Jean Paul Sartre (1905 – 1980) hin, entwirft darüber hinaus aber das Bild einer zeitlebens unabhängigen Frau und Intellektuellen, einer Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts und einem Vorbild vieler Frauen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Simone de Beauvoir als Hochschuldozentin, Philosophin und später als Literatin ihre ökonomische Unabhängigkeit lebt, ist umso erstaunlicher, wenn wir bedenken, dass in Deutschland bis 1974 Männer darüber entscheiden durften, ob ihre Ehefrau ein Arbeitsverhältnis eingehen durften oder nicht. Seit den 50er Jahren verkörpert Simone de Beauvoir die ökonomisch unabhängige Femme fatale, eine freie Frau, die Lebens- und Liebespartnerinnen wechselt, sich nicht verbiegt und sich keinesfalls konservativen Lebensmodellen anpasst.Ein stets geregelter Tagesablauf deutet auf die Disziplin hin, der sich bereits die junge Simone unterwarf und den sie bis ins hohe Alter beibehielt. Sie wanderte, philosophierte, reiste und schrieb. Der Titel der Biografie beurteilt das Leben jener Frau als „ein modernes Leben“. Nicht viele Frauen in Europa und in Deutschland lebten ein solches in der Nachkriegszeit. Konsequent zeigt Kirkpatrick, wie ehrgeizig Simone de Beauvoir ihre Ziele und Pläne verfolgte, lässt sie aus den Konventionen des Elternhauses und aus dem Schatten von Sartre hinaustreten. Kirkpatrick beschreibt eine Frau auf Augenhöhe, die sich rauchend, trinkend, debattierend mit Fleiß und Disziplin ihre Welt erschloss und ein Leben lang im lebendigen Austausch mit Sartre stand. Ihn beeinflusste und seine Texte redigierte. Eine Frau in seinem Schatten war sie nicht. Vielleicht haben sogar ihre Ideen und Gedanken Jean Paul Sartre nachhaltig beeinflusst und den Existenzialismus geprägt. Als Sartre sich immer mehr dem stalinistischen Sozialismus zuwendet, orientiert sich Simone de Beauvoir eher an der Freiheit und Unabhängigkeit der westlichen Welt und deren Kultur.  

Ihre Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen zwischen Frau und Mann fließen in viele ihrer Romanfiguren ein und haben in den 60er Jahren den Feminismus in der westlichen Gesellschaft stark geprägt. Werke wie „Das andere Geschlecht“ (1948) oder „Die Mandarinen von Paris“ (1956) haben Simone de Beauvoir internationales Ansehen und Preise eingebracht. Bis zu ihrem Tode hat sie eine gewisse Vorbildrolle aktiv gelebt und stand für Vorträge und Interviews bereit. Kate Kirkpatrick hat auf fast 500 Seiten mit ihrer interessanten und kurzweiligen Biografie die außergewöhnliche Persönlichkeit der Simone de Beauvoir neu belebt. Indem sie auch die schwachen Seiten dieser besonderen Frau aufzeigt, weist sie nur umso deutlicher auf deren Stärke hin. Mit der von mir sehr geschätzten Hannah Arendt gab es eher wenig Gemeinsamkeiten, doch haben sich beide Frauen nicht gescheut in die Öffentlichkeit zu treten und zu wirken. Im Sinne von Hannah Arendt verbindet sie ein „Vita activa“-  ein aktives Leben. 

Text: Beatrix Sieben