Als im letzten Jahr erstmals ein Gletscher in Island für »tot« erklärt wurde, setzte man dem Okjökull ein Denkmal: Auf einer Tafel steht, dass binnen der nächsten 200 Jahre allen isländischen Gletschern das gleiche Schicksal drohe. Man wolle anerkennen, dass die Menschheit diese Prognose kennt und weiß, was zu tun ist. Es sei an den Lesenden der Inschrift, in der Zukunft zu beurteilen, ob das Nötige getan worden sei. Datiert ist die Botschaft auf 415ppm CO2, den Kohlenstoffdioxid-Gehalt der Atmosphäre im August 2019.

Mitgestaltet hat diese Tafel der Schriftsteller Andri Snær Magnason, der mit Wasser und Zeit (Originaltitel: Um tímann og vatnið) nun eine persönliche philosophisch-kulturelle Auseinandersetzung mit dem Klimawandel vorlegt. Darin dokumentiert er die Umweltveränderungen der letzten 100 Jahre vor dem Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte. Wie der Titel schon verrät, stehen das Wasser und die Zeit dabei für Konstanten im menschlichen Leben, die in Zeiten von Klimakrise und Umweltzerstörung aus dem Gleichgewicht geraten sind und in den nächsten Jahrzehnten weiter werden.

Das Buch liest sich angenehm schnell, und die eher lose angeordneten Kapitel bieten immer wieder neue Einstiege, wenn man es einmal beiseite gelegt oder den Faden verloren hat.  Der Stil erinnert in Teilen an die Berichte Roger Willemsens, und das Buch verbindet immer wieder persönliches Erleben, oft über den Blick ins Familienalbum, mit dem Klimawandel und der Politik. Magnason geht dabei bewusst mit der Sprache um, teilt oft seine Gedanken über sie: Begriffe wie Klimawandel zum Beispiel gingen im Rauschen des Alltags unter, obwohl sie eigentlich zu emotionalen Reaktionen bei allen Menschen führen müssten. 

„In the next 100 years, all the elements of water on the planet are changing. The glaciers are going down, the sea level is going up, the ocean acid level is reaching a level we haven’t seen for 50 million years. And this is happening in a single person’s lifetime.“

Der Stil wechselt zwischen der anschaulichen Darstellung der Fakten und einer poetischen Reflexion darüber; die Sprache ist reich an Metaphern und hat mythologische Anklänge. Letztere treten besonders in den Überlegungen zur Spiritualität und den Interviews, die Magnason mit dem Dalai Lama geführt hat, hervor. An einigen Stellen geht der rote Faden dadurch etwas verloren, und gerade im ersten Drittel des Buches stellt sich einige Male die Frage nach der Relevanz der Assoziationen. Allerdings wirkt die Lektüre durch diese Anreicherung der sachlichen Überlegungen mit poetischer Sprache nach: Die Phänomene, die Magnason so emphatisch schildert, betreffen uns alle – und das versteht der Autor deutlich zu machen. Die Stellen, an denen Magnason politisch wird und sich deutlich gegen die Logik des kapitalistischen Systems positioniert, leiden etwas darunter, dass er die Ökonomie zwar kritisiert, nicht aber selbst zu Wort kommen lässt. Durch diese Verkürzung geht der Blick für mögliche Lösungsansätze der Wirtschaft für die Klimakrise verloren.

Das Hauptanliegen des Werks, zwischen den riesigen Zeithorizonten geologischer Veränderungen der Erde und den Zeitspannen menschlichen Lebens, Denkens und Fühlens zu vermitteln, gelingt allerdings. Indem er zum Beispiel über das Engagement eines Verwandten berichtet, der seltene Krokodilsarten vor dem Aussterben retten konnte, versteht es Magnason, zu zeigen, dass jede*r einen Einfluss auf die Erdgeschichte nehmen kann. Kurz: Wasser und Zeit verortet Klimakrise und Umweltschutz im Persönlichen und eröffnet damit neue Chancen über sie nachzudenken und ihr zu begegnen.

Das Buch richtet sich an eine interessierte Leserschaft, die offen für einen anderen Zugang zur Klimadebatte ist und Interesse an dessen kultureller Bedeutung und Hintergründen hat. Seine Stärke liegt dabei gerade darin, dass es zugleich Informationen referiert und mit neuen Lesarten und Zugängen zur Natur überrascht respektive irritiert. Dadurch hebt es sich ab von den vielen Appellen zum Schutz der Umwelt, die vielleicht auch wegen ihrer Ähnlichkeit bisher allzu oft verklungen sind.

Andri Snær Magnason ist ein isländischer Schriftsteller, Umweltaktivist und Künstler. Er engagiert sich in verschiedenen Formaten für den Erhalt der Umwelt in Island und weltweit. Seine Bücher wurden 35 Sprachen übersetzt und verfilmt. Im Jahr 2016 trat er als Kandidat in der isländischen Präsidentschaftswahl an. Magnason lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Reykjavík.

Wasser und Zeit ist am 18.05.2020 im Insel Verlag (Suhrkamp) erschienen.