Im Rahmen der Woche der „Koblenzer Woche der Demokratie“ hat der Kulturjournalist Andreas Pecht in der Speakers Corner von ISSO einen Vortrag unter dem Titel „Heimat – Kampfbegriff, Sehnsuchtsraum, Utopie“ gehalten. Als kleine bleibende Anregung, hier neun davon abgeleitete Thesen:

 

 

1. Heimatverbundenheit ist ein Gefühl, das individuell völlig verschieden ausgeprägt ist und sich auf ganz unterschiedliche Begriffe von Heimat beziehen kann.

2. Die meisten Menschen verbinden mit Heimat primär ihren eigenen vertrauten (privaten) Lebensraum, in dem sie sich auskennen, aufgehoben und geborgen fühlen: Familie und Freunde, Heimatort und Heimatregion.

3. Die nationale Aufladung des Heimatbegriffs ist in Deutschland ein historisch junges Phänomen, entstanden erst um die Reichsgründung von 1870, denn zuvor gab es noch gar kein Deutschland. Erwachsen ist daraus eine vergiftete, hermetische, ausgrenzende, ja teils rassistische Heimatströmung, die sich etwa in den Parolen „Für Kaiser und Reich“ oder „Für Führer und Vaterland“ ausdrückt.

4. Heimat ist kein stabiles, unveränderbares, gar ewiges Gebilde, sondern seit Menschengedenken ein Variable. Mag die Gefühlsbindung an die eigene Kindheitsheimat auch stark sein, so suchen, finden, gewinnen Menschen während ihrer Lebenszeit doch seit jeher – freiwillig oder gezwungenermaßen – millionenfach eine zweite, gar dritte oder vierte Heimat.

5. Seit es Menschen gibt wandern/migrieren sie in neue Heimaten. Und gerade im heutigen Mobilitätszeitalter wird der Anteil derer – auch und gerade der Deutschen – zusehends kleiner, die ihr Leben in ihrem Geburtsort verbringen und dort zu Grabe getragen werden. Binnenmigration ist Normalzustand; lernen, arbeiten, leben im Ausland nichts Ungewöhnliches mehr.

6. Auch der örtlich fixierte Heimatraum ist kein stabiles, unveränderbares Gebilde. Wie die Zeiten sich ändern, so verändert sich Heimat. Die Vorstellung vom naturnahen Leben in bäuerlich geprägten, ruhigen Landschaften ist mehr Nostalgie denn heutige Realität in der Fläche. Erst recht verändert sich das städtische Leben in einem fort. Und in beiden Fällen nicht nur zum Guten.

7. Es geht derzeit die These von der „Entheimatung der Heimat“ um, die von interessierten Kreisen immer wieder mit der „Zuwanderung Fremder“ verbunden wird. Allerdings:  Keine Einwanderungsbewegung seit Kriegsende hat je objektiv derart grundstürzende Veränderungsprozesse von Heimat hervorgebracht, wie der technisch-ökonomisch-infrastrukturelle „Fortschritt“ der jüngeren Vergangenheit.

8.  Dass unsere Städte und Landschaften heute im Verkehr ersticken, hat mit Zuwanderung nichts zu tun. Ebensowenig, dass die Dörfer infolge infrastruktureller Verödung ausbluten. Im Gegenteil: Auf dem Land erhalten über weite Strecken gerade zugewanderte Mitbürger letzte Bastionen der Infrastruktur; in den Städten sichern sie in Gastronomie, Handel und Kultur jene Vielfalt, die urbanes Leben erst ausmacht.

9. Viele der Zugewanderten finden hier eine zweite Heimat, so wie viele der hier Geborenen anderwärts eine neue Heimat finden. Und alle sehnen sich stets danach, dass diese Heimat ein Raum der Geborgenheit sein möge.