Empathiebasierte Verständigung

Globalisierung, Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Klimawandel verändern unsere Welt sichtbar und radikal. Auch die Corona-Pandemie trägt dazu bei, dass sich Menschen verunsichert fühlen und Klarheiten oder Veränderungen einfordern. Allerdings brauchen aktuelle Entscheidungen mehr ganzheitliches Verständnis von unserer Welt, aber auch von den Zusammenhängen in der Welt. Um sinnvolle und nachhaltige Entscheidungen in einer komplexen Welt zu treffen, braucht es mehr Austausch und differenzierte Expertise. Eine neue Verständigungskultur wird benötigt.

Rechtsradikalismus – ein bedrohliches Problem für die Demokratie

Antisemitische Anfeindungen, Übergriffe auf „Ausländer“ bis hin zu politischen Morden und Terroranschlägen wie in Halle und Hanau machen deutlich: Rechtsradikalismus ist aktuell. Im Jahr 2020 wurden in Deutschland über 1.000 Gewalttaten mit rechtsradikalem Hintergrund verübt (+ 10% zu 2019). Insgesamt sind Rechtsextremisten mehr geworden, und ihre Gewaltbereitschaft hat sich gesteigert. Rechtsextreme Einstellungen werden zu ähnlich gleichen Anteilen von Frauen und Männern geteilt. Rechtsextremismus bezeichnet keine einheitliche Ideologie; Gewaltaffinität und Geschlossenheit des Weltbilds sind sinnvolle Kriterien der Differenzierung.

Jede und jeder kommt im Alltag in Berührung mit Menschen, die solche Ideologien und Handlungsweisen aufweisen: sei es die „querdenkende“ Kundin, die statt Maske Aluhut trägt oder der Bekannte, dem „ein Ausländer den Job geklaut“ hat. Sowohl im professionellen als auch im privaten Umfeld: für den Umgang mit solchen Situationen braucht es wirksame Strategien. Insbesondere wenn es um Menschen geht, bei denen noch Hoffnung besteht, sie zu erreichen und vom Weg der Radikalisierung abzubringen.

Laut ZEIT ABITUR (46/2021) sind Jugendliche und junge Erwachsene sind besonders anfällig für Populismen. 24-% der 15-25-Jährigen outen sich als zu Populismus Neigende und 28 % als nicht eindeutig Positionierte. Diese jungen Leute sind noch über Empathiebasierte Verständigung erreichbar.

Was ist Empathie und wie gelingt sie?

Empathie bezeichnet im weitesten Sinne die Reaktionen eines Individuums auf beobachtete Erfahrungen eines anderen und die Fähigkeit, diese Emotionen der anderen Person zu teilen und von ihnen berührt zu werden.

Empathie ist empfundene emotionale Resonanz und unterscheidet sich von Mitgefühl, dem Gefühl der Fürsorge. Damit sie gelingen kann, braucht es nicht nur eine gelungene Sozialisation, sondern bisweilen auch gezieltes Training.

Empathie ermöglicht Verständigung, wo vorher Schweigen oder Streit waren und bei geschultem Instinkt beugt sie Konflikten vor, damit diese gar nicht erst entstehen. Sie kann als wertvolle persönliche Ressource erlernt und professionell eingesetzt werden, denn: Empathie stellt „zu einem großen Teil schlussfolgernde, projektive Antizipation“ dar. Und empathisches Verhalten ist trainierbar. Selbstreflexionen über eigenes Verhalten und kulturelle Prägungen sind hilfreich, die eigenen Annahmen als mögliche Begrenzungen zu entdecken. Menschliches Verhalten wird von Emotionen gelenkt und wer die eigenen Ängste kennt, kann damit besser umgehen.

Der Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen trägt nur unter bestimmten Umständen zum Abbau von Vorurteilen und extremistischen Haltungen bei.

„Solange ich mir vorstellen kann, dass X eine Geschichte hat, kann ich X gegenüber Empathie entwickeln.“
Wolf-Andreas Liebert (Kulturwissenschaftler & Empathieforscher)

Sich in andere hineinzuversetzen und deren Geschichte nachzuvollziehen, ist also eine Voraussetzung für empathisches Miteinander. Sich selbst in andere Lebensumstände und kritische Ereignisse hineinzuversetzen zeigt auf wie ohnmächtig sich Menschen fühlen können oder welche Sorgen und Ängste sie haben.

Nicht nur auf individueller Ebene, fördert Empathie Verständigung, auch gesamtgesellschaftlich stärkt ihre Kultivierung die Solidarität und trägt zum Erhalt der demokratischen offenen Gesellschaft bei. Gegen Polarisierung Spaltung setzt ein empathisches Miteinander als Brücke zwischen ich und Anderen den respektvollen Dialog und engagierten Austausch.

»Zugleich ist uns bewusst, dass wir uns auf einem schmalen Grat zwischen empathischer Anteilnahme und dem Versuch der Beeinflussung …bewegen « Julian Nida-Rümelin

Weiter: denken & handeln.

Empathiebasierte Verständigung ist ein offenes Konzept, das an und mit dem Input seiner Anwender:innen wachsen will. Darin steckt das Potenzial eines verständnisvolleren Umgehens mit Menschen aus anderen Kulturkreisen und eine demokratische Haltung, um konkurrierende, abwertende und angstschürende Kommunikation abzuwenden.

Empathiebasierte Verständigung verspricht, dass Sie sich selbst und andere besser verstehen, ein Gespür für Ungesagtes, Verdrehtes und Destruktives entwickeln und damit produktiv umzugehen lernen. Unser Verständnis von Empathie soll als positives, humanistisches und freiheitsachtendes Verhalten verstanden wissen.