3 Fragen an Prof. Dr. Ackermann

Prof. Dr. Ackermann

Prof. Dr. Ackermann hat Historische Ethnologie, Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt studiert. 1995 promovierte er an der Universität Bielefeld über Multikulturalismus in Singapur und Frankfurt am Main. Seit 2007 ist er Professor an der Universität Koblenz-Landau und leitet das Seminar Ethnologie am Institut für Kulturwissenschaft. Das GIEFF (German International Ethnographic Film Festival) als eines der bekanntesten ethnogaphischen Filmfestivals bringt er nun dauerhaft nach Koblenz. Alle zwei Jahre findet es hier nun statt.

web: http://koblenz.gieff.de/
facebook: https://de-de.facebook.com/GIEFF.Festival/

 

Was ist das Besondere an ethnografischen Dokumentarfilmen und an einem Filmfestival wie dem GIEFF, welches solche Filme präsentiert?

Die Ethnologie lässt sich als die Kunst beschreiben, das Fremde vertraut werden zu lassen und das Vertraute fremd. Sie erforscht die Unterschiede – und damit gleichzeitig auch die Gemeinsamkeiten – menschlicher Kultur(en). Wurde das Fremde zu Zeiten des Kolonialismus vor allem in exotischen, fernen Ländern gesucht, so beschäftigt sich die Ethnologie heute, angesichts postkolonialer bzw. globaler Bedingungen, auch mit dem Fremden im vermeintlich vertrauten Eigenen auch ‚zuhause’. Ihre Einsichten gewinnt sie vor allem mittels der sogenannten „Teilnehmenden Beobachtung“, d.h. einer möglichst langen und intensiven Teilnahme an der Alltagspraxis der beforschten Gruppe..

Film kann in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen, und zwar nicht nur im Prozess der wissenschaftlichen Forschung, also der Gewinnung von Daten bzw. bei ihrer Präsentation, sondern vor allem auch bei der Vermittlung von Erfahrung an das Publikum. D.h. ethnografische Filme sind dann gelungen, wenn sie zulassen, dass die Zuschauerinnen sich selbst ein Bild bzw. eigene Erfahrungen machen und im vermeintlich Fremden auch Vertrautes entdecken können.

Ethnografische Dokumentarfilme entstehen gewöhnlich in Zusammenarbeit mit den Gefilmten und nicht über die Gefilmten, sie basieren auf einem längeren Aufenthalt vor Ort mit entsprechender Sprachkompetenz und sind deshalb von besonderer Nähe und Einsicht gekennzeichnet. Zudem haben die Digitalisierung und damit einhergehende Demokratisierung auch im Bereich der Filmproduktion zu Diversität und Innovation beigetragen. Allerdings geschieht dies zumeist außerhalb der etablierten Formate von Kino und Fernsehen mit ihren redaktionellen Vorgaben, fixen Zeitfenstern und narrativen Strukturen. Das GIEFF bietet somit die einzigartige Gelegenheit, Filme kennenzulernen, die üblicherweise nicht im Fernsehen oder Kino zu sehen sind.

Warum lohnt sich der Besuch des GIEFF und wer kann kommen?

In diesem Jahr werden an fünf Tagen 53 Filme aus 33 Ländern gezeigt, zu Themen wie beispielsweise Globalisierung, Umgang mit Krisen, Migration und Exil, aber auch Älterwerden und Mensch-Tier-Beziehungen. Da Bilder unabhängig von Sprache funktionieren, lohnt sich ein Besuch des GIEFF für alle, die sich ihr Interesse am Neuen, Ungewohnten und Unerwarteten bewahrt haben (und ein wenig Englisch verstehen, denn als internationales Festival ist unsere Arbeitssprache Englisch).

Besonders hervorzuheben ist, dass das GIEFF nicht nur aktuelle Filme über die Kulturen dieser Welt (einschließlich der eigenen) bietet, sondern auch möglichst viele Filmschaffende aus anderen Teilen der Welt einlädt, um mit ihnen über ihre Produktionen zu diskutieren. D.h. das GIEFF bietet eine Plattform für den Austausch zwischen

– Menschen unterschiedlicher Herkunft,

– Filmschaffenden und Filminteressierten auf lokaler wie internationaler Ebene,

– Wissenschaftlern und einer breiteren Öffentlichkeit, die sich für Themen wie Migration, Kulturkontakt und kulturelle Traditionen interessiert,

– etablierten Filmemachern und Newcomern.

Für letztere gibt es zudem einen studentischen Wettbewerb, dessen Preis am Samstagabend von einer international besetzten Jury aus Filmschaffenden und Filmwissenschaftlern vergeben wird. Dabei ist auch ein Film aus Koblenz im Rennen!

Welchen Mehrwert haben diese Filme für die persönliche Sicht auf die Welt bzw. wie trägt das GIEFF zur Entwicklung einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Gesellschaft bei? Wie sehen eure Pläne für das weitere Jahr 2018 aus?

Gute ethnografische Filme können uns helfen, etwas darüber herauszufinden, wie „die andere“, „nichtwestliche“ Hälfte der Menschheit lebt. Eine noch größere persönliche Bedeutung aber liegt darin, dass man im Anschauen der Filme auch etwas über die eigene Lebensweise erfährt. Denn: man kann sich nicht mit einer fremden Lebensweise befassen und sich darüber äußern, ohne sie im Kontrast zur eigenen zu sehen. Auch das führt dazu, die eigene Welt besser zu verstehen. Man kann Alternativen ausloten und sinnvolle Entscheidungen treffen. D.h. wer Ethnografie lernt, hat mehr Optionen. Ein anderes Wort dafür ist „Bildung“ und genau eine solche Bildung braucht es, um die Herausforderungen der Gegenwart meistern zu können. Wir fragen uns beispielsweise:

– Was ist ein gutes Leben?

– Wie gestalten wir unsere Work-Life-Balance?

– Wo finden wir Anerkennung bzw. Resonanz?

– Was bedeutet „Heimat“ für uns?

Die Leistung der Ethnologie bzw. des ethnografischen Films besteht nun nicht darin, diese Fragen endgültig zu beantworten – das muss jeder von uns individuell tun – sie kann uns aber mit jenen Antworten vertraut zu machen, die andere Kulturen gefunden haben. Die aktuellen Debatten um Globalisierung, diversity management und Leitkultur zeigen, dass eine sozial bzw. kulturell nachhaltige Auseinandersetzung um Normen und Werte, Tradition und Inno¬va¬tion nicht nur abstrakt geführt werden kann. Die Entwicklung eigener Standpunkte braucht Begeg¬nung und Anschau¬ung genauso wie Empathie und Diskussion. Genau dies kann das Medium Dokumentarfilm leisten, wenn es seinem Anspruch, authentische Porträts fremd¬kultureller Wirklichkeiten zu liefern, gerecht wird. Dann können „Ferne Welten plötzlich ganz nah“ rücken, so die Rheinzeitung in ihrem Bericht über das GIEFF 2016. In diesem Sinne möchte ich ganz herzlich dazu einladen, sich im Mai 2018 ein eigenes Bild zu machen und das Festival zu besuchen!

 

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